Vielleicht begann alles mit einem Fallrückzieher. Mit jenem fußballerischen Kunstwerk, das Cristiano Ronaldo im Frühjahr in Turin gelang. Sein Fallrückziehertor für Real Madrid beim 3:0 gegen Juventus war von epochaler Schönheit und weil die Fans im Stadion sofort begriffen, dass sie einem außergewöhnlichen Moment, geschaffen durch einen außergewöhnlichen Fußballer, beiwohnen durften, applaudierten sie heftig.

Diesen Moment, so heißt es aus dem Umfeld von Cristiano Ronaldo, habe sich dem Portugiesen eingebrannt. Tief unter die sonnengebräunte Haut sei er gegangen, mitten durch die gewaltigen Muskelstränge, hinein ins Herz. Applaus von den Fans des Gegners, eine höhere Form der Anerkennung gibt es im Fußball nicht und wenn sich Ronaldo nach etwas sehnte in den vergangenen Monaten und Jahren, dann ist das Anerkennung.

In Madrid, wo er neun Jahre lang spielte, gab es davon aus seiner Sicht nie genug. Deswegen verlässt Ronaldo nun den Club und heuert nach 16 Titeln, darunter vier in der Champions League und vier Auszeichnungen als Weltfußballer für eine Ablöse von 100 Millionen Euro bei Juventus Turin an. Dort, wo sie ihn selbst als Gegner beklatscht haben, erhofft er sich nun emotional all das, was ihm in Madrid fehlte.

Die große Traurigkeit

Das ist ja das skurrile an Ronaldos Abgang. Er erzählt die Geschichte einer Zweckgemeinschaft, aus der nie so richtig Liebe wurde. Auch wegen gekränkter Eitelkeiten und barscher Zurückweisungen. Eine Geschichte, die weit über all die aberwitzigen Zahlen hinausgeht, die Ronaldo im weißen Trikot produzierte.

Gemessen daran ist er der erfolgreichste Fußballer in der Geschichte des erfolgreichsten Fußballclubs der Welt. In 438 Pflichtspielen brachte er es auf 450 Tore. Ein unglaublicher Wert. Raúl, eine andere Clubikone, folgt mit 323 Treffern abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Nicht di Stefano, nicht Puskas, nicht Butragueño, nicht Zidane, nicht Figo, niemand kommt auf solche Werte. Und doch wird er im allgemeinen Dafürhalten bestenfalls neben diesen Figuren auf dem Sockel der Geschichte stehen. Ronaldo wurde bewundert, geliebt wurden andere. "Tore sind keine Liebe", schrieb die Zeitung El Pais zu seinem Abschied.

Für knapp ein Jahrzehnt war Ronaldo der außergewöhnlichste Artist im Zirkus von Real Madrid. Das Publikum huldigte seinen Künsten, aber es wurde seiner auch überdrüssig, wenn er sich mal wieder zu divenhaft aufführte. Wenn er sich über Tore der Mitspieler nicht freute, weil er selbst keines geschossen hatte, wenn sein Eigensinn ihn die besser postierten Mitspieler übersehen ließ oder wenn er Tor um Tor schoss und, anstatt sich zu freuen, die Schultern hängen ließ. So wie im Spätsommer 2012, als ihn die große Traurigkeit überfiel.

Geld als Ausdruck von Wertschätzung

"Ich bin traurig, und im Club wissen sie, warum", sagte er damals. Es war das erste Mal, dass er sich seit seiner Ankunft im Jahr 2009 nicht genügend gebauchpinselt fühlte. Die große Traurigkeit hielt sich einige Wochen, bis sie der Club mit einer deutlichen Gehaltsaufbesserung vertreiben konnte. Es sollte nicht die letzte bleiben.

Sein Gehalt war bis zu seinem Abgang stets ein Streitpunkt. Über die Jahre nutzten Ronaldo und Lionel Messi ihr episches Duell um Tore und Titel, um ihre Bezüge aufzubessern. Jeder schaute genau hin, was der andere gerade verdiente, nur um dann mehr zu fordern. Hatte Messi in Barcelona einen neuen Vertrag unterschrieben, dauerte es nicht lange, bis Ronaldos Manager Jorge Mendes bei den Offiziellen von Real Madrid vorstellig wurde.

Geld ist für Ronaldo der Ausdruck von Wertschätzung. Wie sensibel der Portugiese bei diesem Thema ist, war intern bekannt. Deshalb versuchte Präsident Florentino Perez alles Menschenmögliche, um zu verheimlichen, dass Gareth Bale 2013 mehr gekostet hatte als Ronaldo seinerzeit. Perez bezifferte die Summe von Bale mal auf 90 Millionen Euro, mal auf 91, aber nie mehr als die 94, die Madrid für Ronaldo ausgegeben hatte. Bis die Enthüllungsplattform Football Leaks ans Licht brachte, dass der Waliser den Madrilenen über 100 Millionen Euro wert gewesen war. In Spanien gab es für Tage kein anderes Thema.