Frankreich hat sich dann doch noch mitreißen lassen. Bei den ersten WM-Toren der französischen Mannschaft fanden sich nur kleine Gruppen von Zuschauern vor Bildschirmen in Bars und Brasserien ein. Zum Halbfinale liefen die Spiele der Weltmeisterschaft immerhin schon auf großen Leinwänden vor Rathäusern, ein paar Tausend Menschen kamen, jubelten und sangen schon mal die Marseillaise. Nun rechnete allein die Hauptstadt Paris mit rund 100.000 Menschen, die vor dem Eiffelturm das Finale gegen Kroatien verfolgen können – und nach dem Spiel mit bis zu einer Million Fans, die auf den Champs-Élysées feiern gehen, wenn Frankreich denn gegen Kroatien gewinnt. Die Wahrzeichen der Stadt schienen zuletzt hinter immer größeren Absperrungen zu verschwinden, doch nun ist alles anders: Die Euphorie über die erfolgreiche Tricolore hat die Furcht vor Attentätern überwunden.

Das Land hat sich aus jener Angststarre befreit, die auf die Terroranschläge der vergangenen Jahre folgte. Besonders in Nizza, der Stadt am Mittelmeer, in der ein Attentäter vor zwei Jahren einen Lastwagen in eine Menschenmenge gesteuert und 86 Personen getötet hatte, war das öffentliche Leben ein anderes geworden. In Südfrankreich dürfen nur Flohmärkte stattfinden, die rundherum abgesperrt werden können, manche Schulausflüge sind abgesagt und manchmal genügt ein Knallfrosch in der Altstadt, um eine Panik mit Dutzenden flüchtender Menschen auszulösen. Aber mit jedem Sieg der Equipe versammelten sich immer mehr Fans in den Städten und feierten ihre Mannschaft, ohne dass die Polizei oder Behörden das verhindert hätten. "Diese kollektive Freude wirkt wie eine Gruppentherapie nach dem Trauma der Attentate", sagt der Soziologe Stéphane Béaud in der Zeitung Le Monde.

Alle sind stolz auf alles

Aber noch etwas hat sich im Laufe der WM verändert: Ganz Frankreich ist nun stolz auf eine multikulturelle Mannschaft. Vorher erklärten Kommentatoren vom rechten Rand, eine Elf, in der zwei Drittel der Spieler einen Migrationshintergrund haben, müsse sich erst mal beweisen. Mit den gewonnenen Spielen wuchs das Wohlwollen sprunghaft. Auch dem Stürmer Antoine Griezmann – dessen Familie übrigens portugiesische und hessische Wurzeln hat – kommt das Schwärmen über "das schöne Land, die gute Mannschaft" easy über die Lippen. Ebenso sagte er in derselben Pressekonferenz einen Satz, der Franzosen ohnehin leichter als anderen Nationen fällt: "Ich bin stolz darauf, Franzose zu sein."

Auf einmal spielt die Herkunft der Spieler keine große Rolle mehr – so wie wahrscheinlich niemand mehr über Özils Trikot-Treffen mit dem türkischen Präsidenten schreiben würde, wenn er die deutsche Elf ins Finale geschossen hätte. Am Wochenende leiteten sogar Moderatoren im Radio und Fernsehen dazu an, wie der Name des Mittelfeldspielers N'Golo Kanté (Nnn-Go-Lo) auszusprechen ist. Der Spieler selbst kann darüber lachen. "Ich bin in Frankreich ausgewachsen und ich habe immer verstanden, wenn ich gerufen wurde", sagte er nur.

Samuel Umtiti hingegen konnte scheinbar nicht darüber lachen, dass er auf einer Pressekonferenz als Paul Umtiti angesprochen wurde. Der Innenverteidiger verließ das Podium – aber er kam wenig später zurück, mit breitem Grinsen.