Geh richtig dazwischen! Hau drauf! Bei die Leut'! Das sind die Lieblingssätze auf deutschen Fußballplätzen. Läuft es schlecht, hört man die Lieblingsfloskel: Da stimmt die Einstellung nicht. So redet man in Deutschland über Fußball, nicht nur in Hobbymannschaften. Man hat nicht gut genug verteidigt, nicht eng genug den Gegner gedeckt, man hätte doch mal ein Zeichen setzen müssen. Dass es auch daran gelegen haben könnte, dass man sich zu ungeschickt freigelaufen hat, dass die Pässe zu früh, zu spät, zu ungenau gespielt wurden oder dass man nicht kreativ genug war, hört man selten.

Vielleicht haben wir einfach keine Ahnung. Gemessen an dem Anspruch, die Fußballnation Nummer eins zu sein, hat Deutschland jedenfalls ein, sagen wir, unterkomplexes Verständnis von diesem Spiel – in der Zeitung, im Fernsehen, aber auch am Stammtisch und im Feuilleton, selbst auf Trainerbänken. Vielleicht verstehen wir in Deutschland trotz selbstgewisser Expertenattitüde nicht genug von dem Spiel, das wir so lieben. Vielleicht lässt sich so auch das Aus des Weltmeisters Deutschland in der Vorrunde besser begreifen. Qualitätsentwicklung setzt immer auch eine fundierte Kritikkultur voraus.

Es gibt auch in Deutschland Leute mit großem Fußballverstand. Doch sie bleiben im Hintergrund. In den wichtigsten Fußballmedien kommen sie und ihre Gedanken kaum vor. Dort werden seit Jahrzehnten falsche Prioritäten gesetzt, dort werden den Deutschen Kampf und Verteidigen eingebläut. In den Achtzigern war das vielleicht tatsächlich noch genug, heute reicht das nicht mehr.

Man nutzt zwar inzwischen Taktiktafeln, doch gerade im Misserfolgsfall fällt man in alte Denkmuster zurück. Im Land der Manndecker denkt man diesen Sport noch immer grundsätzlich defensiv. Hört man deutsche Fans über das WM-Aus reden, sagen die: Die Spieler haben sich nicht den Arsch aufgerissen. Liegt die Mannschaft hinten, sehnt sich das Publikum nach der Verzweiflungstat eines Einzelnen. Die Art, wie Fußball hierzulande beschrieben und betrieben wird, hat manchmal geradezu etwas Militärisches.

Rennen und Kämpfen gehören ja tatsächlich zum Fußball, aber sie sind eben nur ein Teil. Der andere Teil, das Spielen, wird oft vergessen. Wenn es läuft, wird das Spielerische akzeptiert, aber eigentlich wird es hierzulande geringgeschätzt. Es ist auch nicht verkehrt zu sagen, dass ein wenig mehr Einsatz der deutschen Elf während der WM gutgetan hätte. Aber hätte Thomas Müller den Ball besser angenommen, wäre Marco Reus beim Freilaufen öfter in die gefährlichen Zonen gestoßen, hätte Timo Werner beim Dribbling mal den Kopf gehoben, wäre der Spielaufbau der Abwehr präziser gewesen, hätte das sicher auch geholfen.

Oder nehmen wir Mesut Özil. Den hatten schon vor den Erdoğan-Fotos viele auf dem Kieker. Bei der WM 2014 wollten sie ihn auf die Bank setzen. Die unausgesprochene Reaktion aus der Mannschaft: Seid ihr verrückt? Von seiner Sorte haben wir nicht viele. Die Kritiker erkennen schlicht Özils Könnertum nicht. Weil es selbstverständlich aussieht, wie er den Ball führt und den Gegner nicht ranlässt. Sie sehen Özils hängende Schultern und sagen: keine Leidenschaft. Zidanes Schultern hingen übrigens auch immer.

Die Überhöhung der Bender-Zwillinge

Auch Toni Kroos wurde und wird in Deutschland verkannt. Ähnlich verhielt es sich mit Philipp Lahm. Dessen Leistungen waren zwar unstrittig, viele dachten: Joa, der ist schon gut. Seine wahre Klasse sahen sie jedoch nicht. Nicht mal jetzt, wo sein Fehlen auffallen müsste. Bestes Beispiel: der Titelgewinn 2014. Als Held von Rio gilt Bastian Schweinsteiger, der sich blutend den Argentiniern entgegenstellte. Schweinsteiger war gut im Finale, keine Frage, aber der entscheidende Mann in Brasilien war Lahm, auch im Endspiel liefen die meisten Angriffe über ihn. In internationalen Expertenkreisen gibt es keinen Zweifel daran, dass Lahm der bessere Fußballer war.

Fußballdeutschland pflegt geradezu eine Tradition der Fehleinschätzungen. Vor gut zehn Jahren galten die damals noch unbekannten Bender-Zwillinge in Zeitungen, die etwas auf sich hielten, als Zukunft des deutschen Fußballs und als Ausweis exzellenter Ausbildung. Die beiden sind feste Größen geworden in der Bundesliga, haben auch ein paar Länderspiele gemacht. Aber es sind doch vor allem Fleißbienen.