Mesut Özil wird nicht mehr für die deutsche Fußballnationalmannschaft auflaufen. Das erklärte der 29-Jährige am Sonntagabend auf Twitter. Als Gründe für die Entscheidung nannte Özil Rassismus, mangelnden Respekt und die Art und Weise, wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nach dem Ausscheiden der Nationalelf bei der WM in Russland mit ihm umgegangen sei.

Özil schrieb, wie er vom DFB "und vielen anderen" behandelt worden sei, habe ihn zu der Entscheidung bewogen, nicht länger das Trikot der Nationalmannschaft tragen zu wollen. Er fühle sich unerwünscht und habe den Eindruck, alles, was er seit seinem Debüt 2009 erreicht habe, sei in Vergessenheit geraten. "Ich werde nicht länger auf internationaler Ebene für Deutschland spielen", so Özil. 

Seine Entscheidung habe er "schweren Herzens" und nach reiflicher Überlegung aufgrund der jüngsten Ereignisse getroffen, schrieb Özil weiter. Er habe das DFB-Trikot immer mit Stolz getragen. Die Entscheidung sei ihm extrem schwergefallen, "weil ich immer alles für meine Teamkollegen gegeben habe". Wenn ihn jedoch hochrangige DFB-Funktionäre so behandelten wie jüngst geschehen und seine türkischen Wurzeln nicht respektierten, sei es genug. Er werde sich nicht zurücklehnen und nichts tun, so Özil: "Rassismus darf niemals akzeptiert werden."

"Ist es, weil ich Moslem bin?"

Scharfe Kritik äußerte Özil an DFB-Präsident Reinhard Grindel. Dieser habe ihn nach der Erdoğan-Affäre aus dem WM-Kader haben wollen, so Özil. Jedoch hätten sich Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff für ihn eingesetzt. In den Augen Grindels und seiner Unterstützer sei er indes nur dann "Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Einwanderer, wenn wir verlieren", so Özil weiter. Er werde nicht länger als Sündenbock bereitstehen für Grindels "Inkompetenz und Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen", schrieb der Fußballer.

Özil kritisierte, er sei von der Gesellschaft nach wie vor nicht akzeptiert – und das, obwohl er in Deutschland Steuern zahle, an Schulen in Deutschland spende und 2014 mit Deutschland Weltmeister geworden sei. "Gibt es Kriterien, warum ich nicht komplett als Deutscher gelte und die ich nicht erfülle?", schrieb Özil. "Ist es, weil es um die Türkei geht? Ist es, weil ich Moslem bin? […] Ich wurde in Deutschland geboren und ausgebildet, warum also akzeptieren die Menschen nicht, dass ich Deutscher bin?"

Erste Äußerung zu Erdoğan-Fotos

Die Rücktrittserklärung folgte als dritter Teil eines in englischer Sprache verfassten Statements, das Özil am Sonntag nach und nach über seine Social-Media-Kanäle verbreitete. In den zwei vorangegangenen Teilen äußerte sich Özil am Mittag unter anderem erstmals zu seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Außerdem kritisierte er den Umgang von Medien und Sponsoren mit ihm. "Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches", so der Nationalspieler.

Der 29-Jährige warf bestimmten deutschen Zeitungen rechte Propaganda vor, "um ihre politischen Interessen voranzutreiben". Im Hinblick auf die Berichterstattung sprach Mesut Özil von einer Doppelmoral. Auch Lothar Matthäus habe sich während der WM mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin fotografieren lassen. Der ehemalige Nationalspieler und heutige Ehrenspielführer habe dafür kaum Kritik erfahren, noch wurde eine öffentliche Erklärung von ihm gefordert. "Macht mich meine türkische Herkunft zu einem wertvolleren Ziel?", fragte Özil.

Özil soll nachträglich aus Werbekampagnen entfernt worden sein

Nach dem Erdoğan-Foto hätten ihn zudem Sponsoren fallen gelassen. Er sei von einem DFB-Sponsor nachträglich aus Werbekampagnen entfernt worden. Alle weiteren PR-Aktivitäten, für die er eigentlich vorgesehen gewesen war, seien gestrichen worden. Dabei sei er immer davon ausgegangen, dass Partnerschaften Unterstützung in guten wie in schlechten Zeiten einschließen. Den Namen des Sponsors nannte der Nationalspieler nicht.

Kritik äußerte Özil auch gegenüber seiner früheren Schule. In einem seiner Tweets klagte er, dass die Gelsenkirchener Gesamtschule Berger Feld einen Besuch Özils nach den Fotos mit Erdoğan abgesagt habe. Die Leiterin der Schule, Maike Selter-Beer, wehrte sich jedoch gegen die Vorwürfe. "Es hätte einen Termin in den Pfingstferien geben sollen, aber da wären ja auch keine Schüler da gewesen", sagte Selter-Beer der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.

Sie räumte allerdings auch ein, dass es schon sein könne, dass es auch terminliche Abstimmungsprobleme unter den Schulleitungsmitgliedern gegeben habe. Özil sei weiterhin an der Schule willkommen. Man sehe ihn als ehemaligen Schüler und Förderer, nicht als politischen Menschen. Allerdings habe Selter-Beer beim Gespräch mit Özils Anwalt, als es um den Termin im Mai ging, auch erwähnt, dass man in Gelsenkirchen Vorsicht walten lassen müsse wegen der starken Präsenz rechter Parteien. Wie die WAZ aus anderer Quelle jedoch erfahren haben will, gab es sehr wohl auch Terminangebote von Özil vor den Pfingstferien.

Özil bestreitet politische Absichten

"Sich nicht mit dem Präsidenten zu treffen, wäre einer Missachtung meiner Wurzeln und der meiner Vorfahren gleichgekommen", schrieb Özil in seiner Stellungnahme. Gleichzeitig habe er mit dem Treffen Respekt vor dem Amt des türkischen Präsidenten zeigen wollen. Er bestritt eine politische Absicht. Für ihn sei es dabei nicht um Wahlkampf gegangen. Sein Beruf sei der des Fußballspielers, nicht der eines Politikers.

Özil und sein Nationalmannschaftskollege İlkay Gündoğan hatten sich kurz vor ihrer WM-Nominierung mit Erdoğan fotografieren lassen, woraufhin ihnen Wahlkampfhilfe für den türkischen Präsidenten vorgeworfen wurde. Gündoğan hatte sich bereits vor der WM zu den Vorwürfen geäußert – auch er betonte seinen familiären Bezug zur Türkei. Özil hatte dagegen bis jetzt geschwiegen.   

Nach dem Vorrundenaus bei der WM in Russland hatte der DFB-Präsident Reinhard Grindel eine öffentliche Erklärung vom Nationalspieler gefordert. Teammanager Oliver Bierhoff stellte sogar in den Raum, dass man Özil vielleicht besser nicht mit zur WM genommen hätte, relativierte jedoch anschließend seine Aussage.

Unter Joachim Löw galt Özil bis zur WM 2018 als einer der Lieblingsspieler des Bundestrainers. Insgesamt bestritt Özil 92 A-Länderspiele für den DFB und wurde mit dem Team 2014 in Brasilien Weltmeister. Fünf Jahre zuvor hatte er mit der deutschen U21 den EM-Titel gefeiert.

Aus der Bundespolitik reagierte am Sonntagabend zunächst nur Justizministerin Katarina Barley (SPD) auf Özils Rücktritt. Auf Twitter schrieb sie: "Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie @MesutOzil1088 in seinem Land wegen #Rassismus nicht mehr gewollt und vom #DFB nicht repräsentiert fühlt."