Daniel Memmert ist geschäftsführender Leiter und Professor am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule Köln. Er ist Autor des Buchs "Elfmeter: Die Psychologie des Strafstoßes".

ZEIT ONLINE: Herr Memmert, es heißt, das Elfmeterschießen sei eine Lotterie. Ausgerechnet der englische Nationaltrainer Gareth Southgate, der durch einen Fehlschuss einst berühmt wurde, hält dagegen. Er widmete sich mit seiner Mannschaft akribisch den Elfmetern und ist damit erfolgreich. Kann man Elfmeterschießen wirklich trainieren?

Memmert: Ja. Diese Erkenntnis gibt es in der Sportwissenschaft schon seit Jahren. Elfmeterschießen ist nicht nur Schicksal, sondern, wie jede andere Aufgabe auch, trainierbar. Es gibt mehr als 140 Studien, die sowohl für die Schützen als auch für die Torhüter bestimmte Empfehlungen aussprechen. Es scheint deshalb so, als würden immer mehr Mannschaften, auch bei dieser Weltmeisterschaft, Elfmeterschießen bewusster in ihr Training aufnehmen.

ZEIT ONLINE: Wie sollte so ein gezieltes Elfmetertraining aussehen?

Memmert: Es erscheint vorteilhaft, Routinen einzustudieren. Bei den Engländern hat man das gegen Kolumbien sehr gut gesehen. Deshalb hat sich Harry Kane wahrscheinlich auch nicht ablenken lassen, als ein Kolumbianer den Elfmeterpunkt zerstört hat, bevor er dran war. Durch Routinen schirmen sich die Spieler vor Stress ab und können sich besser auf die nächste Handlung fokussieren. Eine Pose wie die von Cristiano Ronaldo beispielsweise oder ein sehr bewusster Anlauf mit einer bestimmten Anzahl von Schritten eignet sich als Routine. Aber da empfiehlt jeder Sportpsychologe etwas anderes, da wissenschaftliche Belege noch fehlen.

ZEIT ONLINE: Ist es überhaupt möglich, sich mental auf ein Elfmeterschießen vorzubereiten?

Memmert: Es gibt verschiedene Varianten, diese außergewöhnliche Drucksituation zu simulieren. Der Trainer könnte zum Beispiel sagen: Wer das Elfmeterschießen im Training verliert, muss die anderen beim Abendessen bedienen. Indem man mit Konsequenzen droht, die keiner gerne spürt, baut man etwas Druck auf. Letztendlich ist die Simulation des Drucks aber die größte Schwierigkeit. Das wird nie so gelingen können wie im Wettkampf. Dennoch hilft das Üben unter Drucksituationen dabei, Elfmeter im Wettkampf sicherer auszuführen.

ZEIT ONLINE: Wohin schießt man denn am besten?

Memmert: Grundsätzlich werden hoch geschossene Elfmeter so gut wie nie gehalten. Die Wahrscheinlichkeit tendiert tatsächlich gen null. Wann haben Sie das letzte Mal gesehen, dass ein Torhüter den Ball noch aus dem Winkel fischt? Elfmeter, die hoch geschossen werden, bergen dafür andere Gefahren. Zu 27 Prozent landen hohe Elfmeter über der Latte oder seitlich daneben. Daher ist es sinnvoller, die Elfmeter flach ins Eck zu schießen. Dann steigt zwar die Wahrscheinlichkeit, dass der Torhüter den Ball hält, dafür ist es aber unwahrscheinlicher, dass der Ball daneben geht. Zudem sind flache Schüsse ins Eck leichter zu üben als hohe.

WM-Grafik : Im Zweifel links

Alle Elfmeter bei Fußball-Weltmeisterschaften seit 1966.
Treffer daneben gehalten/Gehäuse

ZEIT ONLINE: Ob rechts oder links ist egal?

Memmert: Rechtsfüßer schießen häufiger in die von ihnen aus gesehen linke Torecke. Wichtig ist generell, dass man sich auf die Ecke, in die man schießt, schon vorher festlegt. Den Torhüter ausgucken ist im Mittel weniger erfolgreich. Dennoch sollte ein Spieler beim Schuss grundsätzlich variabel bleiben. Mittlerweile wird ja viel analysiert, die Torhüter kennen also oft die Lieblingsecken der Schützen. Je mehr Varianten ein Spieler draufhat, desto unberechenbarer ist er. Dies scheint mir in Zukunft am wichtigsten zu sein.

ZEIT ONLINE: Welche Tipps würden Sie den Schützen noch mit auf den Weg geben?

Memmert: Man sollte seine Elfmeter feiern, also richtig jubeln, wenn man getroffen hat. Es ist dann um etwa sieben Prozent wahrscheinlicher, dass die darauffolgenden Schützen aus dem eigenen Team ebenfalls treffen. Bei der anderen Mannschaft sinkt gleichzeitig die Trefferwahrscheinlichkeit um ungefähr sieben Prozent. Hilfreich scheint auch zu sein, den Spieler nach dem Schuss abzuholen. Die Kolumbianer haben das gegen England gemacht. Mehrere Spieler sind sofort nach dem Elfer zum Schützen gelaufen, egal ob er erfolgreich war oder nicht. Der Weg vom Strafraum zur Mittellinie ist in so einer Situation sehr lang und einsam. Wenn man weiß, dass man abgeholt wird, gibt das noch mal zusätzlich Sicherheit. Die damit verbundene soziale Integration macht es dem Schützen leichter.