Diego Godin müsste selbst ein wenig lachen. Noch in der eigenen Hälfte stehend haute er im Spiel seiner Uruguayer gegen Russland einen Ball aufs Tor des Gegners. Aus genau 53,9 Metern Entfernung. Es war einer der unterhaltsamsten Torschüsse dieser WM. Der Ball, der hoch in die Luft flog, kam nach einer halben Ewigkeit wieder runter, die Zuschauer johlten. Godin mochte es niemand verdenken, der Mann ist Abwehrspieler, einer der besten seiner Zunft. Die Sache mit dem Toreschießen überließ er fortan anderen. 1.635 Torschüsse wurden im Laufe dieser WM abgegeben. Jeder einzelne ist mit einem Punkt in unserer Grafik unten erfasst. Ein umrandeter Punkt bedeutet ein Tor. Was man sofort erkennt: Godin hält nicht einmal den Entfernungsrekord. Sein Landsmann Martin Cáceres versuchte es im Achtelfinale gegen Frankreich gar aus 54,3 Metern. Irgendwas scheinen die Urus an Ultradistanzschüssen zu mögen.

Fußball-WM 2018 : Ab in den Strafraum!

Doch wer sich anschaut, welche Torschüsse auch zu Toren führten, 169 an der Zahl, erkennt, dass man schon etwas näher herankommen muss. Die meisten Treffer fallen nicht nur im Strafraum, sondern gar rund um den Fünfmeterraum. Das Tor aus der größten Entfernung erzielte Argentiniens Ángel Di María aus 29,5 Metern gegen Frankreich.

Die Wahrscheinlichkeit, zu treffen, lag für Di María bei gerade einmal drei Prozent. Das zumindest ist der sogenannte Expected-Goals-Wert. Der Wert gibt für jede Torchance an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass aus der Chance tatsächlich ein Tor wird. Dabei werden mehr als ein Dutzend Faktoren berücksichtigt, etwa die Distanz zum Tor, der Winkel des Schusses oder wie viele Gegenspieler zwischen Ball und Tor stehen. Verglichen mit etwa 300.000 Torchancen aus der Vergangenheit kann die aktuelle Chance dann mit einer Prozentzahl bewertet werden.

Der Freistoß von Toni Kroos zum 2:1 gegen Schweden hatte eine Torwahrscheinlichkeit von sechs Prozent. Normalerweise also gegen sechs von 100 solcher Schüsse aus dieser Position ins Tor. Toni Kroos würde das sicher anders sehen. Das demnach unwahrscheinlichste Tor der WM war die Kopfballbogenlampe von Belgiens Jan Verthongen gegen Japan. Und jeder, der das Tor gesehen hat, wird dem System sofort zustimmen.

Umgekehrt erfasst das System auch die dicksten Chancen, die vergeben wurden. Je dicker der Punkt in der Grafik, desto größer die Torwahrscheinlichkeit. Spaniens Gerard Piqué tat sich demnach als ultimativer Chancentod hervor. Er leistete sich den derbsten Fehlschuss der WM, als er es im Spiel gegen den Iran nicht schaffte, den Ball aus 1,5 Metern im Tor unterzubringen, 90 Prozent betrug die Torwahrscheinlichkeit.

Das Konzept der Expected Goals ist zwar nur Theorie, allerdings lässt sich mit ihnen auch sagen, ob ein Spiel einigermaßen gerecht ausging oder nicht. Wer die Wahrscheinlichkeiten aller Torchancen aufaddiert, bekommt ein Ergebnis, das aussagt, wie das Spiel ausgegangen wäre, wenn beide Mannschaften ihre Chancen gleich effizient genutzt hätten. Die Kollegen der NZZ haben darauf basierend mal die Vorrunde durchgerechnet: Demnach hätte zum Beispiel Deutschland alle drei Gruppenspiele gewinnen müssen. Gegen Mexiko mit 1,4:1,3, gegen Schweden mit 1,4:1,2 und gegen Südkorea sogar mit 2,7:1,3. Das letztgenannte Spiel war sogar eines der schiefsten Resultate der gesamten Vorrunde. Tja, Pech für Joachim Löw und seine Mannschaft, dass eine WM nicht im Konjunktiv stattfindet.