Bleiben will am Ende niemand mehr. Die Mexikaner machen sich schon vor dem Abpfiff auf den Weg, das 0:2 kurz vor Schluss hat sie entmutigt. Selbst die siegestrunkenen Fans der Brasilianer gehen zügig nach Hause. Nur ein paar wenige tanzen noch auf der Fanmeile am Brandenburger Tor, angetrieben von der Faszination, sich auf jener Leinwand zu sehen, auf der sich zuvor noch Neymar über den Boden wälzte. Ein DJ versucht, das fehlende Publikum mit Lautstärke auszugleichen. In einem schlechten Club würde jetzt eine Nebelmaschine weißen Rauch auf die verwaiste Tanzfläche blasen.  

Ein ganz normaler WM-Tag auf der Fanmeile. Die lieferte in den vergangenen Jahren eigentlich zuverlässig Symbolbilder deutscher Fußballemotionen. Bei Toren der Nationalmannschaft wurde die Straße des 17. Juni ein schwarz-rot-goldenes Allerlei aus Fahnen, Trikots und Hawaiiketten. Auch große Niederlagen ließen sich hier bebildern, dann mit tränenverschmierter Deutschland-Schminke. In diesem Jahr zum Beispiel.

Selbst verkürzt zu groß

Deutschlands größtes Public Viewing gibt es seit der Heim-WM 2006. Es profitierte seitdem vom konstanten Erfolg der DFB-Elf. Die erreichte bei Turnieren immer mindestens das Halbfinale, bei Weltmeisterschaften spielte das Löw-Team immer so viele Spiele wie nur möglich. In diesem Sommer ist Deutschland jedoch erstmals in einer WM-Vorrunde ausgeschieden. Was also nun? 

Vor den Achtelfinalen in dieser Woche füllte sich das mit Bauzäunen abgesperrte Gelände zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule nur schleppend. Warten muss an den Eingängen niemand. Vor dem letzten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft gegen Südkorea sah das noch anders aus. Hunderte Menschen standen schon vor Einlassbeginn an den Absperrungen. Irgendwann mussten die vorderen Eingänge geschlossen werden, weil es zu voll wurde.

Zum Achtelfinale 2006 zwischen Schweden und Deutschland sollen 750.000 Menschen auf der Fanmeile gewesen sein. Zum Achtelfinale zwischen Brasilien und Mexiko 2018 kamen nur knapp 1.000. Zu wenige, um die Fanmeile bedeutend zu füllen. Dabei wurde das Gelände bereits deutlich von zwei Kilometern auf 500 Meter verkürzt.

Nur noch eine Touristenattraktion

Die meisten Besucher stehen vor der ersten Leinwand, direkt vor dem Brandenburger Tor. Sie tragen die dunkelgrünen Trikots der mexikanischen Nationalmannschaft oder sind in brasilianische Flaggen gehüllt. Vor allem bei Touristen ist die Fanmeile beliebt. Ein Stadtführer erklärt einer Reisegruppe, dass hier David Hasselhoff die deutsche Wiedervereinigung besang. Fußball gucken, wo "The Hoff" nach Freiheit suchte. 

Auch eine Gruppe brasilianischer Touristen in Trikots ihres Heimatclubs Flamengo Rio de Janeiro entschied sich bewusst für das Brandenburger Tor. "Wir finden es cool, das Spiel vor dem Wahrzeichen der Stadt zu sehen", sagt Pedro Sávio. "Und wir haben gehofft, hier auf andere Brasilianer zu treffen." Er und seine Freunde reisen gerade durch Europa. London, Brüssel, Amsterdam, Berlin und am 15. Juli dann Moskau. Für das Finale haben sie sogar Tickets.  

Die Fanmeile hat nur noch wenig mit dem übervollen Schland-Festival zu tun, in dem Fanreporter vor Deutschlandspielen Interviews führen. Die Atmosphäre erinnert eher an ein gemütliches Straßenfest in der Nachbarschaft. Food Trucks, wie sie sonst auf hippen Streetfood-Festivals stehen, verkaufen Burger, Pulled-Pork-Sandwiches oder Crêpes. Anstehen muss man nirgends. Am Ende der abgesperrten Zone ragt ein Riesenrad 38 Meter hoch in den Himmel, im Hintergrund steht die Siegessäule. Sie ist in diesen Tagen noch am besten besucht.