Ein Tweet des serbischen Fernsehmoderators und Musikers Ognjen Amidžić fasst die Gemengelage so zusammen: "Man sollte allen Serben, die Kroatien anfeuern, den Pass abnehmen." Selbst der serbische Tennisstar Novak Đoković, Nummer eins der Welt und Volksheld, wurde derb kritisiert, nur weil er erklärte, dass er während der WM zu Kroatien halte. Ein Politiker aus den Reihen der serbischen Regierungspartei SNS twitterte: "Nur Idioten können Kroatien unterstützen. Novak, schäme dich!"

Über kaum etwas wird Serbien in diesen Tagen so heftig diskutiert wie über die Frage, ob man den Nachbarn Kroatien im WM-Finale anfeuern darf. Ja, warum denn nicht, würde man normalerweise zurückfragen, aber auf dem Balkan ist bei dieser Frage nichts normal. Fußball ist Politik. Auf dem Balkan noch mehr als anderswo.

Das Verhältnis zwischen Kroaten und Serben ist seit den Jugoslawienkriegen, die 23 Jahre zurückliegen, angespannt. Die serbische Regierung schürt regelmäßig antikroatische Stimmung und umgekehrt. Immer wieder blasen beide Länder Konflikte künstlich auf, immer wieder hetzen die Regierenden gegen den Nachbarn. 

Wie Schalke gegen Dortmund

Sigmund Freud spricht in Das Unbehagen in der Kultur vom Narzissmus der kleinen Differenzen. Die meisten Kroaten sind katholisch, die meisten Serben orthodox. Laut Freud werden kleine Unterschiede wie diese aufgeblasen, um den Aggressionstrieb zu befriedigen und den Zusammenhalt in der eigenen Gruppe zu stärken. Im Grunde dieselbe Logik, die bei jedem Derby zwischen Schalke und Dortmund zutage tritt. 

Doch ganz so klar ist die Sache nicht: Nicht jeder in Serbien findet Kroatien übel. Einige wünschen sich gute Beziehungen zum Nachbarn, für andere sind die Kroaten weiterhin die alten Kriegsfeinde.

Ein serbischer Fußballkommentator des staatlichen Senders RTS wurde nun kritisiert, weil er für den Geschmack von Nationalisten etwas zu sehr mit den Kroaten mitfieberte. Selbst der serbische Präsident Aleksandar Vučić schaltete sich ein und erklärte, er habe den Ton abgestellt. Vučić selbst machte keinen Hehl daraus, dass er den Gastgeber Russland anfeuerte. 

Dabei sind sich die beiden Länder und ihre Bevölkerung sehr ähnlich. Serben und Kroaten sprechen dieselbe Sprache, auch wenn Nationalisten auf beiden Seiten das Gegenteil behaupten. Serben und Kroaten zeugen, na so was!, manchmal sogar Kinder miteinander (was zwei meiner Tanten und Onkels mitsamt ihrer sieben Kinder bestätigen können). Serben machen Urlaub an der kroatischen Küste und Kroaten fahren zum Feiern nach Belgrad, weil es dort billiger und die Clubs besser sind.

Vor allem das Viertelfinalspiel Russland gegen Kroatien hat die Gemüter der Serben erhitzt. Soll man die großen orthodoxen Brüder im Osten anfeuern oder doch die kroatischen Nachbarn, mit denen man sich jahrzehntelang den Staat Jugoslawien und dessen Nationalmannschaft teilte?

Diese Frage ist unter Serben ein Politikum. Das Land ist geteilt in diejenigen, die einen EU-Beitritt anstreben, und diejenigen, denen enge Beziehungen zu Russland wichtiger sind. Erstere sind politisch meist liberal, Letztere eher autoritär eingestellt. Entlang dieser Linie werden oft auch die Sympathien zu den Nationalmannschaften verteilt.