In der Schweiz waren es Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri. Die beiden Nationalspieler hatten während des WM-Spiels gegen Serbien ein Tor gemacht – was in der Schweiz im ersten Augenblick für allerlei Freude sorgte, wie in jedem Land, dessen Spieler gerade ein Tor schießen. Doch nur jeweils ein paar Sekunden später war die Aufregung groß. Die beiden Schweizer mit kosovo-albanischen Wurzeln bejubelten ihre Treffer mit der sogenannten Doppeladler-Geste. Der doppelköpfige Adler ist das albanische Wappentier. Die Serben mögen es also nicht besonders und auch die Schweizer nicht, wie sich an den Reaktionen in der Heimat erkennen ließ. Der Generalsekretär des Schweizer Fußballverbandes regte gar an, doch mal zu überlegen, ob die Schweiz nicht das Prinzip der doppelten Staatsbürgerschaft abschaffen sollte. Wegen des Torjubels zweier Fußballer.

Nicht nur in Deutschland hatte man das Gefühl, dass es in diesem Fußballsommer nur nebenbei um Fußball ging. In einer Zeit, in der wieder viel über Nationalismen und Abschottung geredet wird, wurde der Sport zum Barometer für Identität, Zugehörigkeit und die Befindlichkeit eines Landes. Im Guten wie im Schlechten.

Brasiliens Fernandinho wurde über Social Media rassistisch beleidigt, weil er ein Eigentor geköpft hatte. Schwedens Jimmy Durmaz, ein Sohn syrisch-aramäischer Christen, wurde rassistisch beleidigt, weil er gegen Deutschland ein entscheidendes Foul begangen hatte. Mesut Özil wurde rassistisch beleidigt, weil er sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan hatte fotografieren lassen und dazu angeblich noch schlecht Fußball spielte. Mittlerweile ist er zurückgetreten.

In diesen Ländern zeigten sich die Herausforderungen, die eine multikulturelle Gesellschaft mit sich bringt. Wenn es mal nicht läuft, landet man auf der Suche nach Sündenböcken gerne einmal bei denen, die anders aussehen, sich anders bewegen, anders sind. Das ist schön einfach. Fernandinho und Durmaz sprang immerhin die jeweilige Fußballgemeinde zur Seite. Özil nicht.

Die bunten Teams waren erfolgreich

Läuft es hingegen gut, ist bunt plötzlich Voraussetzung für Erfolg. In der Tat fiel auf, dass bei der WM, von Kroatien einmal abgesehen, besonders die bunten Teams erfolgreich waren. Im englischen Team etwa hatte jeder zweite Spieler einen Migrationshintergrund. Die Mannschaft schaffte es bis ins Halbfinale und mit jedem Sieg wurden die Stimmen lauter, dass dieses junge Team viel mehr für das moderne England stehe als Nigel Farage und seine Brexiteers.

Im anderen Halbfinale zwischen Frankreich und Belgien standen Spieler auf dem Platz, deren Eltern aus folgenden Ländern stammen: Philippinen, Kongo, Haiti, Marokko, Senegal, Mali, Guinea, Togo, Angola, Algerien, Kamerun, Portugal, Spanien, Kosovo und den französischen Überseedepartments Martinique und Guadeloupe. Das ist doch mal eine echte Weltmeisterschaft.

Gemeinsame WM-Feier auf den Champs-Élysées

Der Weltmeister setzte dabei den Rekord. Von den 23 französischen WM-Spielern haben 19 einen Migrationshintergrund – so viele wie in keinem anderen WM-Team. Die französischen Özils wurden Weltmeister. Auf den Champs-Élysées feierten also nun die eher weißen Innenstadt-Pariser mit den Einwandererkindern aus den Vorstädten, den Banlieues. Wie aus Bondy zum Beispiel, aus der der neue Fußballstar Kylian Mbappé kommt. Alles gut also?

So einfach ist es natürlich nicht. Eine erfolgreiche Multikulti-Elf bedeutet noch lange nicht, dass auch die Integration prächtig läuft und die Gesellschaft zusammengewachsen ist. Noch ein Beispiel aus Frankreich: Während der WM kam es in den Banlieues von Nantes zu schweren Ausschreitungen.

Ein Fußballteam kann keine gesellschaftlichen Brüche heilen. Wer wüsste das besser als die Franzosen? Nach dem Weltmeistertitel 1998 galt die Mannschaft mit ihren vielen Einwandererkindern, angeführt von dem algerischstämmigen Superstar Zinédine Zidane, als Symbol des neuen Frankreichs. Black, Blanc, Beur nannten sie die Kombination, also schwarz, weiß, arabisch, nach den Wurzeln der Spieler. Doch die erträumte tolerante Gesellschaft ohne Integrationsprobleme, sie blieb eine Illusion: 2005 brannten die Banlieues. 2017, im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl, kam die Kandidatin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, auf 33,9 Prozent der Stimmen.

Feindliche Stimmung selbst im WM-Jubel

Selbst im Jubel nach dem WM-Triumph kamen einwandererfeindliche Stimmen auf. Eigentlich sei ja ein afrikanisches Team Weltmeister geworden, hieß es. Ein Tweet ging viral, in dem jedem französischen Teammitglied das Ursprungsland seiner Familie per kleiner Flagge zugewiesen wurde. Das korrigierte der Verteidiger Benjamin Mendy, indem er vor jeden Namen die Tricolore, also die französische Flagge, setzte.

So wird auch in Frankreich deutlich, dass beim Thema Integration noch längst nicht alles ausverhandelt ist. Wie französisch sollen sich die Spieler mit Einwanderereltern fühlen? Wie ausführlich sollen sie sich zu Frankreich bekennen? Wie sehr dürfen sie das Land ihrer Eltern noch im Herzen tragen? Schließt das Bekenntnis zu Frankreich die Liebe zur Heimat der Eltern aus? Es ist genau diese Ambivalenz, über die auch in Deutschland nach dem Fall von Mesut Özil eigentlich diskutiert werden müsste.

"Ich liebe es, wie afrikanisch und französisch die Spieler sind"

Trevor Noah, der Moderator der US-Sendung Daily Show, machte den Witz, dass Afrika die WM gewann, und bekam prompt Post vom französischen Botschafter in den USA. Der erzürnte sich über die Bemerkung, weil die französischen Spieler doch alle Franzosen seien. Noah, selbst übrigens Südafrikaner, erklärte sich. Er verstehe, dass in Frankreich viele Rechtsextreme sein Afrika-Argument übernehmen würden, um den Spieler das Franzosentum abzusprechen, aber er fragte auch: "Warum können sie nicht beides sein?" Also Franzosen und Afrikaner. Sich nur als Franzose zu bekennen, würde bedeuten, dass die Spieler alles ausradieren, was an ihnen afrikanisch wäre. "Ich liebe es, wie afrikanisch und französisch die Spieler sind", sagte Noah.

Es zeigt sich wieder einmal, dass Fußball nicht der Treiber einer gesellschaftlichen Entwicklung ist, sondern ihr Abbild. Dabei kann er aber Stimmungen beeinflussen, das ist nicht wenig. Dafür wichtig ist allerdings der sportliche Erfolg. Vor der WM gaben 53 Prozent der Franzosen an, die Mannschaft nicht zu mögen. Jetzt haben 80 Prozent der Befragten ein positives Bild der Elf. Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet: Hätte die DFB-Elf mindestens das Halbfinale erreicht, wären die Erdoğan-Fotos zu einem Randthema geschrumpft.

"Unsere Unterschiede vereinen uns", war auf die Innenseite der französischen Nationaltrikots gedruckt. Die Moslems Paul Pogba und Djibril Sidibé beteten auf dem Spielfeld. Die Mannschaft lebte einen Zusammenhalt vor, den es in der Nichtfußballwelt nicht gibt, vielleicht auch nie geben wird. Dennoch kann man sagen: Zumindest in diesem Sommer hat im Fußball der Multikulturalismus gewonnen.