Man kann ihnen in die Beine grätschen, doch sie fallen nicht hin. Sie tricksen, dribbeln, schießen aus unmöglichen Winkeln und Positionen. In fast jedem Zweikampf boxen sie die Gegner mit ihren Füßen. Sie rennen Fotografen um und küssen sie wieder gesund. Sie sind mutig, geben niemals auf, spielen bauernschlau. Wer die Kroaten bei dieser WM Fußball spielen sieht, könnte meinen, dass -ić in den Spielernamen stünde für Herzblut.

In diesen Tagen schwärmen viele Fußballfans für die Kockastie, die Karierten. Nimmermüde haben sie sich nicht nur ins WM-Finale gespielt, sondern mit bloßer Kraft hineingetankt. Und mit einem langen Atem. Gegen Dänemark, Russland und England brauchten sie die maximale Spielzeit von 120 Minuten, zweimal sogar das Elfmeterschießen. Wird Kroatien Weltmeister, stand nie ein Titelträger länger auf dem Platz. Und noch ein Novum: Seit Uruguay in den Dreißigern wurde keine so kleine Nation mehr Weltmeister. Kroatien hat nur knapp über vier Millionen Einwohner, ist damit das drittkleinste Land des ganzen Turniers.

Doch es ist nicht nur der Fußball. Kroatien ist Weltmeister im Wasserball. 2003 wurde das Land Handballweltmeister und bereits zweimal Olympiasieger. Im Basketball haben sie über viele Jahre mehr NBA-Spieler nach Übersee gebracht als Deutschland. Das Tennis-Ass Goran Ivanišević gewann im Jahr 2001 Wimbledon, mit Marin Cilić gehört auch aktuell ein Kroate zur Weltelite. Eine kroatische Zeitung bezeichnete das Land vor einiger Zeit als die beste Ballsportnation Europas.

Wie kann ein Vier-Millionen-Einwohner-Land, etwa so groß wie Sachsen also, nur so erfolgreich sein?

"Wir Kroaten tragen das Temperament, das uns erfolgreich macht, in unserer DNA. Wenn deutsch-kroatische Vereine in Deutschland spielen, hört man oft Geschrei. Wir leben den Sport in all seinen Facetten intensiver als andere", sagt Mario Marinić, kroatischstämmiger Oberliga-Fußballer aus Backnang bei Stuttgart. Er sagt auch: "Es gibt die Balkanmentalität wirklich. Eine reinbekommen und dann wieder aufstehen. In fast jedem WM-Spiel ist uns das passiert. Und wir sind immer wieder zurückgekommen."

Doch den kroatischen Sporterfolg mit Mentalität zu erklären, dürfte nicht ausreichen. Zumal nicht ganz klar ist, was Mentalität eigentlich bedeuten soll. Andere Länder wollen ja auch gewinnen. Es muss also noch andere Gründe geben.

Armut und Perspektivlosigkeit

Die Wurzeln der kroatischen Erfolge liegen eher dort, wo in Deutschland Kinder in die Sandgruben hüpfen und sich am Barren schmerzhafte Quetschungen zufügen: im Schulsport. "Es werden schon früh viele Mannschaftssportarten trainiert. Kinder erkennen früh ihre Talente und konzentrieren sich mit der Zeit auf die Sportart, die ihnen am besten liegt", sagt Perica Lopandić, ein deutsch-kroatischer Spielerberater aus Hamburg. Manche sehen in dem System gar die Nachwirkungen des ehemaligen Jugoslawien, wo Kinder und Jugendliche ähnlich wie in der DDR auf sportliche Erfolge gedrillt wurden.

Die frühe Fokussierung auf den Mannschaftssport ist für Lopandić ein Grund, warum kroatische Teams in vielen verschiedenen Sportarten zur Weltspitze gehören. Er sagt: "Teamsport formt den Charakter mehr als der Einzelwettbewerb. In einer Mannschaft muss man sich unterordnen und gegenseitig akzeptieren können. Das sieht man bei den Kroaten. Sie spielen weltweit verteilt, teilweise gegeneinander, sind im Nationalteam aber brüderlich vereint."

Der kroatische Journalist Marinko Krmpotić, Korrespondent für den Novi List aus Rijeka, glaubt dagegen an die Arbeit der Vereine. "Die großen Clubs tun einiges für den Nachwuchs. Besonders Dynamo Zagreb sticht hervor. Ein Großteil der WM-Mannschaft wurde dort ausgebildet. Das schweißt zusammen", sagt Krmpotić.

Teamgeist und Miteinander sind trotzdem nur ein Teil einer viel komplexeren Geschichte. Der weltweite Erfolg kroatischer Sportler begründet sich auch durch Armut und Perspektivlosigkeit. Kroatien ist trotz des wachsenden Tourismus ein armes Land, das gilt auch für den Sport. Kaum ein Fußballstadion entspricht europäischen Normen, manche Arenen, erzählt Marinić, seien nur noch Ruinen. Die Liga ist mittelmäßig. Eine Nachwuchsinfrastruktur nach mitteleuropäischen Maßstäben gibt es nicht.

Auch die berufliche Perspektive ist im von Korruption geplagten Land schlecht. Die Hoffnung liegt auf der Straße. Wer rauskommen will aus den Plattenbauten, spielt Fußball oder Basketball, muss sich auf Ascheplätzen und vertrockneten Graswiesen beweisen. In den Städten gibt es kaum einen größeren Straßenzug, neben dem nicht ein Bolzplatz oder Basketballcourt zu finden ist. Marinić sagt: "Der Sport ist die einzige Perspektive, die viele junge Kroaten für ihr Leben sehen. Und raus kommen diejenigen, die auf dem Platz herausragen."

Und dann ist da noch dieser Stolz, diese verschriene, aber kaum verschleierte Balkanmentalität. Als Dejan Lovren vom FC Liverpool nach dem Sieg gegen England auf der Pressekonferenz befragt wurde, fand er nicht nur Worte zum größten Erfolg seiner Sportnation, sondern auch Zeit für eine private Bemerkung: "Ich stand im Finale der Champions League und jetzt bin ich im WM-Finale. Ich bin einer der besten Verteidiger der Welt."