Anna Narinskaja ist eine russische Kunstkuratorin, Literaturkritikerin und Journalistin. Von ihr erschien unter anderem 2016 der Essay: "Was bedeutet Feminismus in Russland?"

ZEIT ONLINE: Frau Narinskaja, ich will mit Ihnen über das anscheinend wichtigste Thema vieler WM-Touristen reden: Russlands Frauen. Von ihnen gibt es vor allem in den sozialen Netzwerken Tausende Bilder mit männlichen Fans aus Island oder Mexiko. Gäste und Gastgeberinnen strahlen darauf um die Wette. Die Bars und Kneipen Moskaus scheinen Orte der gelebten Völkerverständigung zu sein.

Anna Narinskaja: Für russische Verhältnisse passiert gerade etwas Unerhörtes: Die Frauen haben einfach nur Spaß.

ZEIT ONLINE: Die russischen Männer wirken nicht begeistert.

Narinskaja: Weil die Frauen mit einer russischen Tradition brechen: Mit dem Bild des starken Mannes und der unterwürfigen Frau, die auf die Anweisung ihres Meisters wartet. Die Frauen, die bei dieser WM einfach mal das machen, was sie wollen, beschädigen dieses tief sitzende Rollenbild.

ZEIT ONLINE: Ein Kommentar einer Boulevardzeitung hieß "Zeit der Luder". Man wirft den Frauen vor, Schande über sich und Russland zu bringen. Woher kommt der Hass?

Narinskaja: Das hat, glaube ich, zwei Gründe. Zum einen gab es nach dem Zusammenbruch der UdSSR eine Ideologielücke. Nach Jahren der relativen Freiheit unter Lenin wurden die Regeln nach dem zweiten Weltkrieg im "Moralkodex der Erbauer des Kommunismus" neu geschrieben. Die sexuelle Freiheit verschwand damit wie vieles andere auch. In den ersten Jahren unter Putin gelang es der orthodoxen Kirche dann irgendwie, bei diesem Thema in das Ideologie-Vakuum zu schlüpfen und die Meinungshoheit zu übernehmen. Der zweite Grund ist die Propaganda über den Westen. Die Frauen küssen jetzt Männer, die gegen uns sind. Was nicht sein darf, kann nicht sein.

ZEIT ONLINE: Schon vor der WM warnte die Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Familien, Frauen und Kinder, keine intimen Verhältnisse mit Fremden zu haben und stattdessen eigene Kinder zu gebären. Ist die Frau in Russland schon immer eine politische Figur?

Narinskaja: Oh ja. In der Sowjetunion waren Frauen in höchsten politischen Ämtern. Sie durften auch wählen, sich ohne Angabe von Gründen scheiden lassen, kostenlos abtreiben, über ihr eigenes Geld verfügen. Sie waren auch gesellschaftlich gleichgestellt. Viele Frauen waren in Leitungsberufen, so wie Irina Antonowa, die langjährige Chefin des Puschkin-Museums. Aber wenn sie nach Hause kamen, gab es immer noch das alte Rollenbild: Die Frau hatte zu kochen und sich um die Kinder zu kümmern. Das war ihre Pflicht, es erschien angemessen. Damit war sie eine gute Bürgerin. Während im Westen die Frauen ab den Siebzigern für ihre Rechte kämpften, blieb unser Familienbild dort hängen.

ZEIT ONLINE: Ist das bis heute so geblieben? Gab es eine #MeToo-Debatte?

Narinskaja: Es gab sie, dem Politiker Leonid Sluzki wurde Belästigung vorgeworfen. Aber ihm ist selbst der Frauenclub der Duma beigesprungen. Bei Harvey Weinstein waren sich selbst meine liberalen Freunde einig, dass es als Ja zu werten ist, wenn die Frau mit aufs Hotelzimmer geht. Ist die Tür geschlossen, ist es akzeptiert. Sich erst dreimal absichern zu müssen, das zerstört die Romantik. Dass Frauen das gleiche Recht wie der Mann haben sollten, ihr Nein auch durchzusetzen, das kommt einem Russen fremd vor. #MeToo war deshalb eher ein weiterer Beleg dafür, dass der Westen durchdreht.

Fußball-WM - Auf dem Feld sind alle gleich Für viele Russen ist Fußball noch immer Männerdomäne. Der Frauenfußballverein GirlPower will das ändern. Eine Videoreportage © Foto: Olga Kravets