Schon tagsüber ist der Gang durch die Nikolskaja-Straße in diesen Tagen ein Ereignis: Die Moskauer staunten über mexikanische Tanzstunden, argentinisches Liedgut und, siehe da, Bier auf offener Straße. Die Straße zwischen der Lubjanka, der ehemaligen Geheimdienstzentrale, und dem Roten Platz ist die inoffizielle Feiermeile dieser Weltmeisterschaft. Von oben glitzern Lichterketten und Moskaus Einwohner und Korrespondenten aus aller Welt erzählen seit der WM-Eröffnung verwundert von einem bunten und freundlichen Moskau, das sie so nicht kennen.

Der Abend nach dem Sieg im Achtelfinale über Spanien dürfte sie noch weiter gewundert haben. Nach dem 4:3-Sieg im Elfmeterschießen gegen Spanien kamen so viele feierwütige Russen, dass die Barrikaden, die die Polizei vor ein paar Tagen an den Zugängen zur Straße errichtet hatten, um alles etwas kontrollierbarer zu machen, einfach weggedrückt wurden. 

Und die Feier hielt an: in den Bars und Clubs, wo zu den Beats mit der Russlandfahne in der Hand getanzt wurde. Aus hupenden Autos lehnten sich beflaggte Russen in die laue WM-Nacht und brüllten immer wieder ihr Ra-Siii-Jaa! Womöglich wusste die Moskauer Society noch gar nicht, dass ihre G-Klassen und die Ferraris auch zu etwas anderem gut sind, außer laut zu sein.

Manche Autodächer wurden sogar zu spontanen Tanzflächen, die vielen schönen Springbrunnen der Stadt zu Badestellen. Etwas enttäuschend war es zwar, dass nicht, wie nach dem 5:0-Eröffnungsspiel, ein echter Bär durch die Stadt gefahren wurde. Aber einer (ein Russe, kein Bär) fing wohl sogar an, die Kreml-Mauer hochzuklettern. Mehr geht nicht.

Etwas ist in Bewegung geraten in Moskau, vielleicht auch an vielen anderen Orten des Landes. Der Sieg der Sbornaja im Elfmeterschießen gegen Spanien ist der größte Fußballerfolg seit dem Ende der Sowjetunion. 2008 stand das Team zwar im EM-Halbfinale. Doch das ist halt nur eine EM und kein globales Turnier, mit der Welt zu Gast im eigenen Land. Und jetzt merken die Russen, dass die Erfolge ihres Teams ganz konkrete Auswirkungen auf sie haben. Ungeahnte Freiräume eröffnen sich.

In der Metro wird Bier getrunken und Igor Akinfejew besungen. Der Torhüter hielt zwei Elfmeter, den zweiten, entscheidenden, artistisch mit dem Fuß. Da war sie wieder, die russische Torhütertradition. Der Welttorhüter des 20. Jahrhunderts, Lew Jaschin, ist als das Logo dieser WM ohnehin überall plakatiert.

Die Metrolinie vom Stadion zurück in die Stadt ist auch Stunden nach dem Abpfiff ein Hort der Glückseligkeit. Immer wenn Metrotüren aufgehen und sich ein Schwall russischer Fans verabschiedet, drängelt eine neue Gruppe rein und brüllt das kehlige Ra-Siii-Jaa in die Metro. Alle sind unterwegs, keiner will an diesem historischen Abend was verpassen. In Moskau fahren die U-Bahnen so tief unter der Erde, dass man schon mal zwei Minuten Rolltreppenfahrt nach oben hat. Das lädt natürlich ein, von unten bis oben durchzusingen.