Dieser Bericht beginnt wie jeder vernünftige über die kroatische Fußballmannschaft mit einer Hymne auf den bemerkenswerten Spielmacher Luka Modrić. Auch in diesem Halbfinale ließ er die Beobachter darüber staunen, was ein Mensch alles mit einem Ball und seinen Füßen anstellen kann. Gegen seine sind die der Ballerinas aus dem Moskauer Bolschoi-Theater Hufe.

Eine rasche Drehung nach rechts, eine schnelle Drehung nach links, ein Hüpfer, ein Zucken, mal eben beschleunigt, dann wieder verzögert, immer beäugt, aber nie beeinträchtigt von seinen englischen Gegnern. Modrić ist der prägende Spieler Kroatiens, vielleicht sogar der gesamten WM. Wie in den Spielen zuvor leuchtete er vor Klugheit. Gäbe es einen Band Asterix bei den Kroaten oder Asterix auf dem Balkan, hieße er Luka Spielvić.

Die Kroaten zogen durch einen dramatischen 2:1-Sieg nach Verlängerung erstmals in ein WM-Finale ein. Weil sie wieder mal nicht kleinzukriegen waren und wegen Luka Modrić natürlich. Auch, weil die Engländer beim Turnier in Russland nicht ganz so überragend Fußball spielten, wie die Schlagzeilen und die Euphorie der Fans es vermuten ließen.

An den großen Szenen war Modrić nicht beteiligt, aber ohne Modrić hätte es für Kroatien keine großen Szenen gegeben. Er zog den Ball an sich, er führte ihn durch kleinste Gassen nach vorne, er schlug seine klassischen Pässe mit dem Außenrist. Manchmal baute er Schnörkel in sein Spiel ein, etwa einen kleinen Übersteiger, aber er tat alles immer zu einem Zweck: seine Mitspieler in eine bessere Lage zu bringen.

Auf dem Platz völlig allürenfrei

Mit seinen erst vorgetäuschten, dann angedeuteten, irgendwann vollzogenen Dribblings und Pässen beschäftigte Modrić mehrere Gegenspieler, Dele Alli lockte er immer wieder weit weg von seiner Position. Ohne dass der zehn Jahre jüngere Star von Tottenham Modrić bei dessen Schaffen auch nur irgendwie hätte ernsthaft stören können. Die Konzentration, die Modrić den Engländern raubte, fehlte ihnen an anderer Stelle.

Aber der bald 33-Jährige lief auch viel, wie stets, und grätschte, wie so oft. Kroatiens Kapitän ist auf dem Platz völlig allürenfrei. Er kann viel mehr als seine Mitspieler, aber das, was sie am besten können, mit großem Willen Fußball spielen, das kann er auch. 0:1 lagen die Kroaten schnell hinten, sie kamen schwer ins Spiel, wohl auch, weil sie zuvor zwei Mal Verlängerung und Elfmeterschießen durchstehen mussten. Sie spielten unpräzise und foulten oft ihre meist schnelleren Gegenspieler.

Es war aber schon in der ersten Halbzeit zu sehen, dass sich Kroatien würde steigern können, während England eher am Limit spielte. In der zweiten kam es wie erwartet. Die Kroaten griffen mit mehr Personal an als zuvor. Fortan wurden die Engländer, die eine ärmliche zweite Halbzeit hinlegten, nur noch durch Ecken gefährlich. Der Ausgleich fiel und die Kroaten spürten, wahrscheinlich rochen sie sogar die Schwäche ihres Gegners.

Jetzt war ić-Time. Mehrfach lag das kroatische Siegtor in der Luft, England verlor die Fassung, hatte Glück bei einem Pfostenschuss. In der Verlängerung war es so weit. Mario Mandzukić hatte die ersten 60 Minuten ausgepowert gewirkt, als wäre das kräftezehrende Viertelfinalduell gegen Russland erst eine Stunde her. Doch dann war der ehemalige Wolfsburger und Münchner da. Abstauber vor dem Block der Kroaten, die natürlich tobten.

Dann wurde verteidigt. Der Abwehrchef Domagoj Vida ließ sich durch die Pfiffe der Russen, die sich über ihn ärgerten, weil er den Sieg gegen Russland der Ukraine widmete, nicht beirren. Kämpfen können sie. Ohnehin treten sie, wie soll man sagen, nicht ganz so brav auf, wie es die serviettenhaft weiß-rot-karierten Trikots ihrer Fans anmuten lassen.

Faire Verlierer

Denn man muss auch festhalten: So verdient der Ausgleich war, er hätte nicht zählen dürfen. Es war gefährliches Spiel, das Bein des Schützen Ivan Perisić in unmittelbarer Nähe des Kopfs des Verteidigers Kyle Walker zu hoch. Doch der türkische Schiedsrichter Cüneyt Çakır pfiff nicht, die deutschen Videoassistenten Bastian Dankert und Felix Zwayer reagierten nicht.