Joachim Löw macht weiter, trotz der sehr schwachen Leistung der Nationalmannschaft bei der WM 2018. Die Befürworter wie Christian Streich sagen, Russland sei die Ausnahme gewesen, ansonsten stehe die Ära Löw für eine "totale Erfolgsgeschichte". Doch wie total war sein Erfolg zwischen 2006, als er als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann sein erstes Turnier coachte, und 2016 wirklich? Eine Bilanz:

WM 2006

Im Sommer 2004 begann mit Jürgen Klinsmann eine neue Zeitrechnung im deutschen Fußball. Er übernahm den Trainerposten, seinen Co-Trainer Löw musste er gegen Widerstände durchsetzen, wie so vieles. Vor dem Turnier in Deutschland war die Skepsis groß, dann erreichte die deutsche Elf mit Leidenschaft und ein bisschen Glück das Halbfinale. Löw galt als Klinsmanns Mastermind, seine "högschde Disziplin" wurde zu seinem Markenzeichen. Platz drei war viel besser als erwartet, und die deutsche Mannschaft spielte wieder offensiv, schoss 14 Tore, eroberte die Sympathien von Millionen von Fans. Beim Sommermärchen steht aber die politische, gesellschaftliche und atmosphärische Bedeutung über der sportlichen.

EM 2008

Für das Turnier in Österreich und der Schweiz, Löws erstes als Cheftrainer, wurde Deutschland als Geheimfavorit gehandelt. Einem souveränen Sieg gegen Polen folgte eine verdiente Niederlage gegen Kroatien. Erst Michael Ballacks fester Schuss im Spiel gegen Österreich sicherte den Einzug in die K.o.-Runde. Dort konterte die deutsche Elf die Portugiesen aus und zitterte sich gegen die B-Mannschaft der enorm ersatzgeschwächten Türken ins Finale, wo sie chancenlos gegen Spanien verlor. Zehn Tore und Platz zwei waren ein sehr gutes Ergebnis, aber spielerisch blieb die deutsche Elf hinter den Erwartungen zurück.

WM 2010

Vor dem Turnier in Südafrika verletzte Kevin-Prince Boateng den deutschen Kapitän Michael Ballack, sodass dieser nicht spielen konnte. Ohne den deutschen Star brauche man gar nicht antreten, dachten, sagten und schrieben viele. Es kam ganz anders. Mit dem neuen Kapitän Philipp Lahm, einigen U-21-Europameistern aus dem Vorjahr sowie dem international unbekannten Thomas Müller begeisterte die Elf nicht nur die deutschen Fans mit attraktivem, dynamischem Fußball, sondern steckte auch das unglückliche 0:1 gegen Serbien in der Vorrunde weg. In der K.o.-Runde schlug sie England 4:1 (wenn auch mithilfe des Schiedsrichters, der das Tor von Wembley rächte) und Argentinien 4:0, schoss insgesamt 16 Tore. Die erneute und erneut hochverdiente 0:1-Niederlage im Halbfinale gegen Spanien war allerdings ein wenig ernüchternd. Nach dem Turnier saß Löw den Konflikt mit Ballack, der ins Team zurückwollte, aus, was er später als Fehler einräumte.

EM 2012

Deutschland reiste nach Polen und in die Ukraine als Titelfavorit. In einer schweren Gruppe gewann die Löw-Elf dreimal, wenn auch knapp. Hätte der Schiedsrichter allerdings im Spiel gegen Dänemark beim Foul Holger Badstubers an Nicklas Bendtner auf Elfmeter entschieden, wäre Deutschland wahrscheinlich in der Vorrunde ausgeschieden. Zehn Tore in sechs Spielen schoss die Elf, und im Halbfinale gegen Italien (Balotelli!) erlebte Löw seine (bis zum Turnier in Russland) schwerste Niederlage. Vor dem Spiel tauschte er ohne Not auf drei Positionen, es war eine verkopfte und ein wenig selbstverliebte Entscheidung. Er schied gegen eine individuell unterlegene Mannschaft aus und musste mit dem Vorwurf leben, nicht nur falsch aufgestellt, sondern auch während des Spiels schwach gecoacht zu haben. Manch einer, auch manch ehemaliger Befürworter, forderte seinen Rauswurf. Dies traf ihn sehr, doch nach mehreren Wochen Bedenkzeit gab er bekannt, dass er weitermache.