Drei Männer hieven eine Frau auf einer Trage aus einem orangefarbenen Schlauchboot. "Open Arms" steht auf ihren Helmen, darunter etwas kleiner: "Sea Rescue". Von einem anderen, größeren Boot aus greifen zwei Männer mit Latexhandschuhen nach der Trage, um sie an Bord ihres Schiffes zu bugsieren. Einer der beiden Männer wird später ein Foto dieser Szene bei Twitter posten, wo es 1,2 Millionen Followern in die Timelines gespült wird. Sein Name ist Marc Gasol. Er gehört zu den besten Basketballspielern der Welt.

Gerade im Sport wird inflationär von Helden gesprochen. Nach ihrem gewonnenen Finale der Fußballweltmeisterschaft waren die Franzosen die WM-Helden. Sogar die unterlegenen Kroaten wurden von ihrem Premierminister Andrej Plenković als Helden gefeiert. Doch am Ende haben sie nur Spiele gewonnen – oder eben verloren. Marc Gasol reicht das nicht.

Gasol spielt in der NBA, der besten Liga der Welt. Als 16-Jähriger zog er 2001 von Barcelona nach Memphis in den USA. Sein fünf Jahre älterer Bruder Pau Gasol war von den Memphis Grizzlies verpflichtet worden. Nach seinem Highschool-Abschluss kehrte Marc Gasol zunächst in seine Heimat zurück. Den Spitznamen The Tank, den er wegen seiner massigen Gestalt in den USA bekommen hatte, wurde er auch dort nicht los. In Spanien spielte Gasol für den FC Barcelona und Akasvayu Girona, ehe ihn 2008 die Grizzlies unter Vertrag nahmen, bei denen er noch heute spielt.

Inzwischen ist Gasol 33 Jahre alt. Der Spitzname aus der Highschool hat seine Berechtigung längst verloren. Gasol ernährt sich überwiegend vegetarisch, Brot ist aus seinem Speiseplan gestrichen. Die 114 Kilogramm Körpergewicht verteilen sich clever auf seinem 2,16 Meter großen Körper. Außergewöhnliches Spielverständnis hatte Gasol, wie auch sein Bruder, schon immer. Als auch noch die Beweglichkeit hinzukam, entwickelte er sich rasch zu einem der besten Center der NBA, einem der besten großen Männer unter dem Korb.

In der Saison 2012/13 wurde er als erster Europäer zum Defensivspieler des Jahres gewählt. Mit der spanischen Nationalmannschaft gewann er 2006 die WM, bei den Olympischen Spielen holte er 2008 und 2012 die Silbermedaille. Aus sportlicher Sicht hätte sich Gasol den Beinamen Held längst verdient. Doch er tut mehr, spendet nicht nur Geld, sondern packt selbst mit an.

"Ich konnte nicht mehr länger schweigen"

Die Frau, die Gasol auf das Rettungsschiff Astral zog, heißt Josephine und flüchtete aus Kamerun. Knapp 150 Kilometer vor der libyschen Küste klammerte sie sich 48 Stunden lang an ein Stück Holz, bis die Retter sie fanden, berichtete Gasol dem Guardian. Neben der Kamerunerin schwammen zwei Leichen, darunter ein Kleinkind, die ebenfalls an Bord geholt wurden. Am Samstag wird das Schiff auf Mallorca erwartet. "Es war zu wichtig, um es nicht der Welt mitzuteilen. Ich konnte nicht mehr länger schweigen", sagte Gasol. Über 2.000-mal wurde sein Bild bei Twitter geteilt.

Proactiva Open Arms geht davon aus, dass die libysche Küstenwache die drei Flüchtlinge nach einer Rettung im Meer zurückgelassen hat, weil sie sich geweigert hatten, nach Libyen zurückgebracht zu werden. Die Retter der Astral entdeckten die Überlebende und die beiden Leichen inmitten der zerstörten Überreste ihres Plastikbootes. Die libysche Küstenwache habe "unmenschlich und kriminell" gehandelt, sagte Gasol und sprach von Wut und Hilflosigkeit.