Samet Balaban, 31 Jahre alt, spielt in der Kreisliga B für den SV Hussenhofen in Baden-Württemberg. Im Frühjahr 2017 nahm er am Torwandschießen im ZDF-Sportstudio teil und schlug den Bundesliga-Torhüter Lukas Hradecky. Der Stürmer ist auch unter seinem Spitznamen "Balaboom" bekannt.

ZEIT ONLINE: Herr Balaban, Sie wurden in Deutschland geboren, haben türkische Wurzeln. Weil das momentan sehr viele Menschen interessiert: Sehen Sie sich als Deutscher oder als Türke?

Samet Balaban: Die Türkei ist meine Heimat, weil meine Eltern dort geboren wurden und viele nahe Verwandte dort immer noch leben. Sie ist mein Vaterland. Deutschland ist der Ort, an dem ich aufwachsen durfte, zur Schule ging und einen Job erlernte. Ich bin auch sehr stolz, Teil dieser Gesellschaft zu sein, meinen Beitrag zu leisten.

ZEIT ONLINE: Hat dieser Stolz in den vergangenen Wochen nachgelassen?

Balaban: Ich freue mich weiterhin jeden Tag auf meine deutschen Kollegen und auf meine deutschen Freunde, auf das Leben hier. Aber die ganze Geschichte fühlt sich an wie ein Vertrauensbruch.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das Foto bewertet, über das Deutschland streitet?

Balaban: Für mich war es kein besonderes Foto. Ich verfolge den türkischen Fußball sehr intensiv, besonders die großen Spieler, die im Ausland aktiv sind. Das Erdogan-Foto sah ich als erstes auf dem Instagram-Kanal von Cenk Tosun. Der Zeitpunkt des Fotos ist sicher sehr ungünstig gewesen. Aber es war ja nichts Neues, es gab solche Bilder schon in der Vergangenheit. Trotzdem wurde es so vehement diskutiert. Viele meiner Bekannten und ich fragten uns: Wieso gerade jetzt? 

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Antwort auf die Frage gefunden?

Balaban: Ich habe immer noch keine Ahnung.

ZEIT ONLINE: Gab es die Kritik vielleicht auch, weil Özil bei der WM in den Augen vieler enttäuschte?

Balaban: Er war nie mein Lieblingsspieler. Er war bei der WM auch nicht in guter Form. Aber es ist doch Quatsch, sportliche Misserfolge an einem Spieler festzumachen. Jeder, der Fußball spielt, weiß, dass eine Mannschaft aus mehr als nur einem Spieler besteht. Man verliert niemals, nur weil einer nicht gut ist. Und schon gar nicht wegen eines Fotos. Was Uli Hoeneß gesagt hat, ist zudem schlicht falsch. Selten war ein deutscher Nationalspieler über so viele Jahre so gesetzt in einer deutschen Nationalmannschaft. Sämtliche Statistiken sprechen für ihn.

ZEIT ONLINE: Nun ist Mesut Özil aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Welche Wirkung hat das auf die deutschtürkische Community?

Balaban: Wie ich schon sagte: Das Vertrauen ist geschwunden. Es enttäuscht mich, dass der DFB sich nicht vor ein Mitglied seines Teams gestellt hat. Das ist doch die Kernaufgabe einer Mannschaft – füreinander da zu sein, sich zu unterstützen. Mesut Özil hat von Präsident Grindel nie Unterstützung in der Öffentlichkeit bekommen. Das ist ärgerlich, traurig, macht aber vor allem Angst.

ZEIT ONLINE: Angst wovor?

Balaban: Mesut Özil hat die 10 bei Real Madrid getragen, die Nummer von Luis Figo und anderer Legenden. Er ist Weltmeister und jahrelang Stammspieler in der Nationalmannschaft gewesen. Er hatte es in unseren Augen geschafft. Jetzt sehen wir, dass das nicht der Fall ist. Dass all die sportlichen und integrativen Leistungen wegen eines Fotos nichts wert sind. Für Deutschtürken ist das ein schlimmes Zeichen. Özil war für uns mehr als ein Fußballspieler.

ZEIT ONLINE: Was war er dann?

Balaban: Ein Vorbild und die Story, dass es jeder in diesem Land soweit schaffen kann wie man es möchte. Er war der erste türkische Star, der für Deutschland gespielt hat. Das war für Türken zunächst eine Enttäuschung. Aber danach spürten ich und viele andere Deutsche mit tiefen türkischen Wurzeln eine stärkere Verbindung zum Land. Einer von uns war jetzt Teil der Nationalmannschaft. Wir gehörten dazu. Das war sehr bewegend. Ich war schon vorher für Deutschland, aber viele Freunde entdeckten ihre Zuneigung zur deutschen Auswahl mit Özil. Die Nationalelf wurde zu einer Mannschaft, die auch uns repräsentierte. Das war ein schönes Gefühl. 2014 ist für uns nicht nur Deutschland, sondern auch ein bisschen die Türkei Weltmeister geworden.

"Kameltreiber ist noch das Harmloseste"

ZEIT ONLINE: Wir haben jetzt viel über den großen Fußball gesprochen. Sie sind in der Kreisliga in Baden-Württemberg aktiv. Fühlen Sie sich dort manchmal als Spieler zweiter Klasse?

Balaban: In der Mannschaft und im Verein? Nein, auf keinen Fall. Aber es gibt Auswärtsfahrten in Dörfer, da weiß man schon vorher, was man zu hören bekommt.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Balaban: Kameltreiber ist noch das Harmloseste. Aber Provokationen gehören dazu, sie sind Teil des Fußballs. Es ist aber, wie sagt man es hier, nicht sehr gescheit, wenn es so plump und rassistisch dahingesagt wird.

ZEIT ONLINE: Verletzt das Sie noch?

Balaban: Ich weiß, dass viele es nicht ernst meinen. Es nur Emotionen sind. So dumm können die Leute ja nicht sein. Es ist nicht schön, aber ich stehe drüber.

ZEIT ONLINE: Gibt es Benachteiligungen durch Schiedsrichter? Wiegt ein türkisches Foul schwerer als ein deutsches?

Balaban: Heutzutage kaum noch. Es pfeifen ja viele jüngere Unparteiische. Die sind mit uns aufgewachsen, haben mit uns zusammen auf dem Pausenhof gespielt, wir saßen in denselben Klassenzimmern. Sie machen keine Unterschiede, weil sie selbst keine zwischen Deutschen und Deutschtürken erkennen. Bei älteren Schiedsrichtern gibt es solche und solche. Benachteiligung spürt man. Auch wenn sie von Jahr zu Jahr abnimmt.

ZEIT ONLINE: Wenn so etwas passiert, gibt es dann Rückendeckung von der Mannschaft?

Balaban: Oft geschehen diese Szenen am Rande. Aber wenn es ein Teamkollege oder der Trainer merkt, gibt es immer Unterstützung und verbale Gegenwehr. In all den Teams, in denen ich spielte, waren mehrere Nationen vertreten. Und all diese Teams waren Einheiten, in denen nur das zählte, was man für die Mannschaft einbrachte.

ZEIT ONLINE: Mesut Özil hat öffentlich bisher nur von Julian Draxler und Jérôme Boateng Unterstützung bekommen.

Balaban: Ich kann nur mutmaßen, glaube und hoffe aber, dass viel Unterstützung auf privaten Kanälen übermittelt wird. Dass sich Fußballer dazu öffentlich nicht äußern, bei all den Konsequenzen und den medialen Druck, kann ich nachvollziehen.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich von Reinhard Grindel und dem DFB noch vertreten?

Balaban: Nein. Und ich weiß, dass es vielen anderen ähnlich geht. Hier in der Region spielen viele Fußballer, die kroatische, albanische oder türkische Wurzeln haben. Sie alle fiebern zwar zunächst mit dem Herkunftsland ihrer Mütter und Väter, doch dann kommt Deutschland. Die Unterstützung ist auch für die Nationalelf leidenschaftlich und impulsiv. Sieht man das Verhalten von Reinhard Grindel und des DFB, frage ich mich, ob der Verband diese Unterstützung von uns überhaupt wünscht.

ZEIT ONLINE: Was muss der DFB tun, damit er die Community zurückgewinnen kann?

Balaban: Auch wenn Mesut Özil sicher Fehler gemacht hat – der DFB sollte sich auf ihn zubewegen und einsehen, dass es falsch war, einen Sündenbock auszuwählen, der sportlich nicht mehr Schuld trägt als jeder andere.

 ZEIT ONLINE: Wird ihre Unterstützung für die deutsche Nationalmannschaft nachlassen?

Balaban: Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, lag ich in der 113. Minute auf dem Boden meines Wohnzimmers, von besinnungsloser Freude übermannt. Schürrle auf Götze, das war einer der schönsten Momente meines Lebens. Und ich hoffe, dass – solange nicht die türkische Mannschaft betroffen ist – noch viele weitere dieser deutschen Momente dazukommen.