Sein wichtigster Assist

Er spielt wieder Fußball. Gut sogar. 5:1 gewann Mesut Özil mit dem FC Arsenal am Wochenende gegen Paris Saint-Germain beim International Champions Cup, einem sommerlichen Vorbereitungsturnier, bei dem alle großen Clubs der Welt am Start sind, den aber keiner richtig ernst nimmt. Özil erzielte trotzdem die Führung und bereitete ein Tor vor, weil Özil eigentlich immer ein Tor vorbereitet. Das weiß jeder, auch der Schiedsrichter, der den Deutschen vor dem Spiel um ein Autogramm bat. Özil unterschrieb auf dessen Gelber Karte.

Viel weiter weg als in Singapur kann Mesut Özil eigentlich kaum sein, räumlich und emotional. Während sich die Leitartikler, Taxifahrer und Bäckereischlangenansteher in Deutschland die durch die Julihitze ohnehin schon köchelnden Köpfe noch heißer diskutierten, machte Özil einfach das, was er am besten kann: relativ unbeschwert Fußball spielen. Er lief sogar als Kapitän auf, was als Zeichen seines Clubs an die Welt gedeutet werden kann.

Doch wenn man sich in einigen Jahren an den mittlerweile ehemaligen deutschen Nationalspieler erinnert, dann wird einem zunächst wohl nicht seine Leichtigkeit auf dem Platz in den Sinn kommen, die live im Stadion übrigens noch ein wenig leichter wirkt als vor dem Fernseher. Auch nicht die 40 Assists in 92 Länderspielen oder wie er im letzten WM-Spiel gegen Südkorea erst Timo Werner und später Mats Hummels jeweils eine Vorlage auf den Fuß respektive Kopf hexte, die das deutsche Vorrundenaus und die folgende Aufregung hätten verhindern können. Nein, es wird vor allem bleiben, dass Özil eine ganz andere Vorlage lieferte, womöglich seine wichtigste: Seinetwegen redet ein Land über Rassismus.

Zwei Lager

Kaum jemand kam in der vergangenen Woche am Thema vorbei. Die grundsätzlichen Positionen zum Fall sind ausgetauscht. Die einen sehen in Özil einen jammernden, sportlich möglicherweise auch etwas überschätzten Multimillionär, der nicht ertragen konnte, dass ihn Leute dafür kritisierten, ein Erdoğan-Freund zu sein, und deshalb die Rassismuskeule auspackte. Für die anderen sind die rassistischen Beleidigungen, die hinter dem Vorwand der Kritik am Erdoğan-Foto geäußert wurden, ein Zeichen für eine bedenkliche Stimmung im Land und überhaupt, fragen sie, wie bitte könne man von einem wie viele Einwandererkinder in argen Loyalitätskonflikten steckenden Fußballer überhaupt erwarten, dass er weiß, wie man Erdoğan einen Wunsch abschlägt, solange deutsche Politiker und Wirtschaftsbosse fröhlich mit der Türkei dealen und auch so mancher Özil-Beleidiger für die Herbstferien längst wieder Antalya gebucht hat?

Diese beiden Lager stehen sich einigermaßen unversöhnlich gegenüber, doch anders als bei anderen Themen, die auch gesellschaftliche Brüche offenbaren, interessieren sich für die Debatte um einen der bekanntesten Fußballer des Landes auch Leute, die sonst bei Politik gerne mal abwinken. Auch sie denken plötzlich über Integration und Rassismus nach. Und das ist doch was.

In Umfragen stellte sich die Mehrheit der Deutschen gegen Özil. In einer Spiegel-Befragung verneinten 58 Prozent die Frage, ob Özil respektlos und rassistisch behandelt worden sei. Eine etwas seltsame Fragestellung, weil das subjektive Gefühl des Betroffenen scheinbar objektiv unter Nichtbetroffenen abgefragt wird. Anderswo äußerten sich dagegen all jene, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Özil und sich durch ihn bestärkt fühlen, zu reden. Unter dem Hashtag #MeTwo etwa erzählten viele Migranten und ihre Kinder oder Kindeskinder von der alltäglichen Diskriminierung, der sie in Deutschland ausgesetzt sind. Die Statements sind meist nicht anklagend geschrieben, sondern sollen ähnlich wie unter #MeToo, wo es um sexuelle Belästigung ging, für ein Thema sensibilisieren. Die Berichte machen etwas sichtbar, was viele bislang nicht sehen wollten. Oder schlicht nicht gesehen haben.

Dagegen hält zum Beispiel die Bild-Zeitung, der zu #MeTwo vor allem einfällt, Deutschland solle sich ja nicht einreden lassen, es sei rassistisch. Das führt zu dem beinahe schmerzhaften intellektuellen Spagat, dass also nicht die von Rassismus Betroffenen entscheiden, was denn nun rassistisch sei und was nicht, sondern diejenigen, die Rassismus aufgrund ihrer eigenen Privilegien nur vom Hörensagen kennen.

Ähnlich verhält sich der DFB. In einem Statement räumte der DFB-Präsident Reinhard Grindel in der vergangenen Woche zwar erstmals Fehler ein, so hätte er sich etwa gegen rassistische Anfeindungen stellen sollen. Grindel deutete Özils Statements aber auch so um, als hätte der dem ganzen DFB Rassismus unterstellt. "Noch mehr tut es mir für meine Kollegen, die vielen Ehrenamtlichen an der Basis und die Mitarbeiter im DFB leid, im Zusammenhang mit Rassismus genannt zu werden", schrieb Grindel. Nur hatte Özil Ehrenamtliche nie explizit erwähnt, erst recht nicht angegriffen.

Man kann gleichzeitig gegen Erdoğan und gegen Rassismus sein

Zum Ende der Woche meldete sich auch Cacau zu Wort, der in Brasilien geborene ehemalige deutsche Nationalspieler und jetzige Integrationsbeauftragte des DFB. "Kritik ist nicht gleich Diskriminierung oder Rassismus", sagte er. Auch das hat niemand behauptet, weder Özil noch irgendjemand sonst. So wird fleißig der Diskurs verschoben, ein alter PR-Kniff: Dinge, die nie jemand gesagt hat, werden zurückgewiesen, in der Hoffnung, beim entrüsteten und sich irgendwie mitangesprochenen und vielleicht auch mitverurteilt fühlenden Deutschen punkten zu können. Was aber unter #MeTwo passiert, soll nicht bedeuten, dass alle Deutschen Rassisten sind. Darum geht es nicht. Und natürlich ist nicht jede Kritik am Erdoğan-Foto rassistisch. Aber: Jede rassistische Kritik ist rassistisch. Dass man gleichzeitig gegen Erdoğan und gegen Rassismus in Deutschland sein kann, scheint einigen nicht klar zu sein.

Viele haben in diesen Tagen geredet, nur Joachim Löw und Özils Teamkameraden nicht. Sie schweigen immer noch, aus Opportunismus oder weil sie schlicht keine Meinung haben oder weil sie die Fotos auch dumm fanden. Auch das war eine paradoxe Erkenntnis des Falles: So sehr es Mesut Özil war, der möglicherweise, ohne es zu wollen, eine Bruchlinie in unserer Gesellschaft aufgezeigt hat, also politisch agiert hat oder zumindest zu einem politischen Subjekt wurde, so sehr haben sich seine Kollegen entzaubert, ja entpolitisiert. Das wundert einen nur, weil Fußballer so oft überhöht werden. Am Ende sind sie nicht mehr, als sie sind: junge Männer, die ein wenig besser gegen einen Ball treten können als andere.

Vielleicht ist Özil ja gar nicht zurückgetreten

Die einen schweigen, von den anderen hätte es man sich gewünscht. Uli Hoeneß zum Beispiel, der wohl auch mal wieder was sagen wollte, weil ihm nach seiner Haftentlassung kaum noch jemand zuhört. "Mesut Özil hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen", sagte Hoeneß, der nicht nur vom Augenschein, sondern auch von Zahlen widerlegt wurde, sodass man nur hoffen kann, dass Uli Hoeneß ein persönliches Problem mit Özil hat. Ansonsten hätte sich mit diesem Satz herausgestellt, dass der Mann, der in den vergangenen Jahrzehnten der mächtigste Mann im deutschen Fußball war, vom Sport selbst weniger versteht als vermutet.

Doch ist es auch so, dass Mesut Özil nur bedingt als Vorbild für die Debatte, die rund um ihn losgetreten wurde, taugt. Özil ist kein Märtyrer. Seine drei über einen halben Tag verteilten Statements kann man in Form und Ton für drüber halten. Und wer sich mit Erdoğan fotografieren lässt, sei es aus Naivität, Kalkül oder beidem, sei es auf eigenes Ansinnen oder dem seiner Berater oder beidem, der macht sich eben angreifbar.

Was bisher ein wenig untergegangen ist: Vielleicht ist Mesut Özil ja gar nicht so richtig zurückgetreten. Der entscheidende Satz lautet: "Mit schwerem Herzen und nach viel Überlegung werde ich aufgrund jüngster Ereignisse nicht länger international für Deutschland spielen, solange ich das Gefühl habe, dass mir Rassismus und mangelnder Respekt zuteilwird." Solange ist hier das Zauberwort. Lasst uns einfach noch ein wenig reden.