Kritik am Verhalten des Nationalspielers äußerten auch Vertreter der Union: Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), sagte, es sei "gut, dass sich Özil endlich erklärt". Als Nationalspieler müsse sich Özil aber auch Kritik gefallen lassen, wenn er sich für Wahlkampfzwecke hergebe. Allerdings dürfe Kritik nicht "in pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen", betonte Widmann-Mauz.

Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) sagte der Bild: "Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen, freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland."

Auch Serap Güler (CDU), die Integrationsstaatssekretärin Nordrhein-Westfalens, die selbst türkische Wurzeln hat, sagte der Bild-Zeitung, Verbundenheit mit dem Heimatland der Eltern und Kritik an der Regierung würden sich nicht ausschließen. "Man kann ja auch bei uns kritisch gegenüber der Bundesregierung sein und Deutschland trotzdem lieben." Diesen Punkt scheine Özil aber "nicht verstanden zu haben". "Die Einladung eines Autokraten auszuschlagen wäre nicht respektlos gewesen. Es hätte Haltung gezeigt", sagte sie mit Blick auf das Treffen mit Erdoğan. Özils Rechtfertigung zeige, "wie nötig eine echte Wertedebatte ist".

Paul Ziemiak (CDU), der Vorsitzende der Jungen Union, warf Özil politische Naivität vor. "Niemand Vernünftiges will, dass Mesut Özil seine Herkunft verleugnet. Aber zu behaupten, dass ein Foto mit Erdoğan – mitten im türkischen Wahlkampf – ohne politische Absichten entstanden sei, ist naiv", sagte er der Bild.

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall, wies die "pauschale Medienschelte" des Nationalspielers zurück: "Wenn Mesut Özil Rassismus in deutschen Zeitungsredaktionen am Werk sieht, soll er Ross und Reiter nennen." Zudem sei, "anders als Özil behauptet, ein gemeinsames Foto mit dem für die Abschaffung der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei gefürchteten Autokraten politisch", sagte Überall.

Türkische Regierungspolitiker loben Özil

Der ehemalige CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach wies den Rassismus-Vorwurf Özils zurück. Dem Inforadio des rbb sagte Bosbach, er kenne den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel seit Langem, dieser sei kein Rassist. Dass sich Özil als "Opfer des DFB darzustellen" versuche, sei "doch wirklich grober Unfug". Es müsse möglich sein, einen Sportler wegen seiner sportlichen Leistungen zu kritisieren, "völlig unabhängig von Hautfarbe, Religion oder seiner Herkunft". Das habe nichts mit Rassismus zu tun.

Während der DFB zunächst nicht zu Özils Aussagen Stellung nahm, lobten ihn türkische Regierungspolitiker: "Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen", teilte der Sportminister Mehmet Kasapoğlu mit. Justizminister Abdülhamit Gül gratulierte Özil, weil dieser mit seinem Rücktritt das "schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen" habe. Erdoğans Sprecher İbrahim Kalıin begrüßte Özils Aussage, dass er den türkischen Präsidenten wieder treffen würde. Gleichzeitig nannte er den Vorfall "eine traurige Angelegenheit für diejenigen, die behaupten, tolerant und multikulturell zu sein."

Türkische Gemeinde bedauert Özils Rücktritt

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, drückte nach Özils Rücktritt Bedauern aus: "Vielfalt in der Nationalmannschaft war ein tolles Vorzeigeprojekt, was durch unfähige Führungskräfte nun zu scheitern droht".

Özil hatte in einer dreiteiligen Erklärung zu seinem Rückzug gefragt: "Ich wurde in Deutschland geboren und ausgebildet, warum also akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?" Und weiter: "Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle? Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutschpolen bezeichnet, also warum bin ich Deutschtürke? Ist es, weil es die Türkei ist? Ist es, weil ich Moslem bin?"

Zuvor hatte er die umstrittenen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, die die Affäre im Mai ausgelöst hatten, verteidigt. Gegen den DFB gerichtet schrieb er: "In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Einwanderer, wenn wir verlieren." Mehrere Parlamentarier, darunter Renate Künast und Omid Nouripour, die die Grünen im Bundestag vertreten, und Frank Schwabe (SPD), forderten Grindel zum Rücktritt auf.