Am Donnerstagabend wurde an der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, am Sitz des DFB, demonstriert. Das Junge Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit protestierte gegen den Umgang mit Mesut Özil. Dieser sei einer "medialen Lynchkampagne" ausgesetzt und die DFB-Spitze habe diese mit ihren Aussagen angeheizt. 

So weit ist es gekommen mit dem Deutschen Fußball-Bund. 2006 erwärmte seine Nationalmannschaft das ganze Land. 2010 stand das Team dafür, wie unbekümmert das multiethnische Deutschland sein kann. 2014 gewann eine spielerisch gereifte DFB-Elf den Weltmeistertitel.

2018 geht die Jugend gegen den DFB auf die Straße.

An diesen Sommer wird sich niemand gerne erinnern, der etwas auf den deutschen Fußball hält. Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea, verwaiste Fanmeilen sowie ein Bundestrainer, der sich nach der größten Pleite der DFB-Geschichte aussuchen darf, ob er weitermacht, und nach einem Nicken in den Urlaub verschwindet, ohne auch nur mit einem Satz zu erklären, woran es lag, und ob er in Zukunft etwas anders machen will.

Alles falsch gemacht, was man falsch machen kann

Doch darüber wird nur am Rande geredet, eine andere Debatte bindet alle Aufmerksamkeit und beschleunigt den Imageverlust des Verbandes. Eine Debatte, in der es um Grundwerte des Sports und der Nationalmannschaft geht, auch um die Befindlichkeit eines ganzen Landes. Eine Debatte voller Opportunismus und, in Extremfällen, auch Rassismus. Eine Debatte, die zeigt, dass das wahre Versagen in den vergangenen Wochen nicht auf dem Fußballplatz stattgefunden hat, sondern anderswo. Es geht um Mesut Özil.

Das Handbuch Krisenkommunikation liegt offenbar nicht in den Schubladen des DFB, von Beginn an ist er mit diesem Thema falsch umgegangen. Der Verband hat das Kunststück fertiggebracht, alles verkehrt zu machen, was man verkehrt machen kann. Er schaffte es erst nicht, sich auf eine gemeinsame Erklärung mit Özil zu verständigen. Dann wollte der DFB das Thema beenden. Jetzt legt er den Eindruck nahe, der Spieler alleine sei schuld am sportlichen Misserfolg in Russland. 

Vor allem aber stellte sich der DFB nie vor seinen Nationalspieler, der mit dem DFB U21-Europameister wurde und vor vier Jahren Weltmeister in Rio. Ein Spieler, der seit fast einem Jahrzehnt ein wichtiger Teil der Nationalmannschaft ist, der sich in fast 100 Länderspielen stets tadellos verhielt. Und der für Abertausende Kinder und Jugendliche mit ähnlicher Biografie ein Vorbild ist.

Der DFB agierte wie ein Fußballer, der erst den richtigen Zeitpunkt zum Abspiel verpasst, dann den Ball verliert und beim Hinterherlaufen einen Elfmeter plus Platzverweis fabriziert. Wenn ein Fußballer auf dem Platz solch einen Fehlerhattrick macht, sitzt er im nächsten Spiel wohl auf der Bank. Was aber, wenn ihre Chefs alles falsch machen?

Es gibt einige Gründe, Mesut Özil und seinen Kollegen İlkay Gündoğan für die Fotos mit Erdoğan zu kritisieren. Zumal Özil mit seinem Schweigen dazu beigetragen hat, dass alles kam, wie es kam. "Man kann einem Präsidenten ein Trikot überreichen, wenn der für Frieden und Demokratie ist. Die ganze Welt aber weiß, dass Erdoğan das nicht ist." Das sagte nicht die Vorsitzende der Grünen, sondern der Fußballer Deniz Naki.

Fragen von Identität und Loyalität

Es gibt aber auch Gründe, warum ein vorschnelles, oberflächliches Urteilen eben vorschnell und oberflächlich ist. "Mesut ist ein schüchterner Mensch, fast scheu. Wie hätte er dieses Foto ablehnen können, wenn ein Mann wie Erdoğan ihn darum bittet? Das hätte Mesut als extrem unhöflich empfunden. Das ist auch eine Mentalitätssache. (...) Ich will gar nichts beschönigen, sondern nur erklären, dass Mesut das Foto nicht gemacht hat, um Erdoğan zu unterstützen", sagte sein Vater der Bild am Sonntag.

Das kann man glauben oder nicht, wer Mesut Özil aber schon einmal abseits des Platzes erlebte, den Blick gesenkt, weiß, was mit "scheu" gemeint ist. Özil ist wie eigentlich alle Fußballer kein politischer Mensch. Vor allem aber, und das kommt in diesem Fall noch immer zu kurz, sind für einen türkischstämmigen Spieler die Fragen von Identität und Loyalität eben nicht so klar zu beantworten wie für Thomas Müller aus Weilheim in Oberbayern.

Genau diese Debatte hätten der DFB und Özil führen können. Spätestens als İlkay Gündoğan im Test gegen Saudi-Arabien ausgepfiffen wurde, wäre es an der Zeit gewesen. Es war auch in sportlich erfolgreichen Zeiten nicht alles gut beim DFB, doch es ist noch nicht lange her, da waren Integration, Gleichberechtigung und Vielfalt Kernthemen des Verbandes. Der Präsident Theo Zwanziger war ein glaubhafter und engagierter Vertreter solcher Werte, das bestreiten nicht mal seine Kritiker.