Keine Frage, Neymar ist ein begnadeter Fußballer, dem während der 90 Minuten oft viel Unrecht widerfährt. Er wird getreten und gestoßen, seine Schienbeine bluten, wenn er vom Spielfeld humpelt und seine Strümpfe sind zerfetzt. Aber das rechtfertigt noch längst nicht dieses Benehmen, von dem Millionen von Kindern vor den Bildschirmen auf der ganzen Welt nun denken, das müsse so sein. Schlimmer noch, man müsse so spielen und sich benehmen, weil man dann als clever gilt und am Ende auch gewinnt. 

Gegen Mexiko rollte sich Neymar nach einem zugegeben unschönen Tritt so theatralisch über den Rasen, als würde man ihm gerade die argentinische Flagge aufs Fußgelenk tätowieren. Mein Sohn schaute entsetzt und fragte mich, ob der Mann jetzt ins Krankenhaus müsse. Als Neymar wie durch eine göttliche Fügung wieder aus dem Reich der Halbtoten auferstand, wunderte er sich. "Tut ihm denn gar nichts mehr weh?" Ich überlegte kurz, was ich darauf antworten sollte, zog es aber vor, zu schweigen. Weil ich keine passende Antwort hatte. Zu sagen, "der schauspielert nur, um sich einen Vorteil zu verschaffen", brachte ich nicht fertig.

Vor allem Kalkül

Ich dachte an den echten, herzlichen Jubel meines Sohnes und die Freude in seinen Augen, wenn er den Ball ins Netz schießt. Und ich dachte daran, wie lächerlich so viele Profis mit ihren durchchoreografierten und inszenierten Posen sind. Da ist nichts Ursprüngliches mehr aus den Tagen, an denen sie wie er waren. Sondern vor allem Kalkül und die Hoffnung, die neue Frisur, die bunten Schuhe oder den Sponsor in ein möglichst helles Licht zu rücken.  

Vermutlich wird sich mein Sohn später an den Fußballern orientieren, die er im Fernsehen sieht. So wie es Millionen von Jungs und Mädchen überall auf der Welt tun. Er wird versuchen, ihre Tricks nachzumachen, ihre Trikots tragen, aber sich hoffentlich nicht so benehmen wie sie. Dann wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich ihm sagen muss, dass viele dieser Männer nicht zum Vorbild taugen.

Als es in der Schlussphase zwischen Brasilien und Mexiko dann wie bei unserem Altherrenspiel immer hitziger wurde und Neymar in so ziemlich allen Debatten und Pöbeleien verstrickt war, sagte mein Sohn plötzlich ansatzlos und mit kindlich ernster Miene: "Papi, ich glaube, der Mann ist böse." Wieder blieb ich kurz still. Dieses Mal antwortete ich. "Ich glaube, er ist nur schlecht für den Fußball. Und für Kinder wie dich."