Wird Pep Guardiola zum dritten Mal hintereinander Weltmeister? Das wäre keine schlechte Leistung für einen Trainer, der noch bei keiner WM dabei war, weil er noch nie eine Nationalmannschaft trainiert hat.

Doch als Guardiola, für manche der beste Trainer der Welt, in der spanischen Liga arbeitete, wurde Spanien 2010 Weltmeister. Das wiederholte sich 2014 mit Deutschland. Jetzt, wo er seit zwei Jahren Manchester City trainiert, steht England im Halbfinale, erstmals seit 28 Jahren. Kann das noch Zufall sein?

Ein kleiner Blick zurück: 2010 schoss Andrés Iniesta im Finale das entscheidende 1:0 gegen Holland. Iniesta war schon zuvor ein guter Fußballer, aber zum Weltstar wurde er, wie sein Pendant Xavi, erst unter Guardiola. Der übernahm im Jahr 2008 den FC Barcelona und setzte seinen radikaloffensiven Ballbesitzstil insbesondere mit diesen beiden Spielern durch, was auch der Nationalelf zugutekam.

Das zweite Mal wurde Guardiola 2014 Weltmeister. Als das Finale von Rio abgepfiffen wurde, standen bei den deutschen Siegern sieben Fußballer auf dem Platz, die er seit einem Jahr in München anleitete. Darunter der Kapitän Philipp Lahm und Mario Götze, der Schütze des einzigen Tores.

Nicht nur in England glauben viele deshalb nicht an Zufall. Und tatsächlich kann ein Vereinstrainer die einzelnen Spieler mehr beeinflussen als ein Nationaltrainer. Wie groß Guardiolas Anteil an den zwei bisherigen Titeln war, kann man natürlich nicht genau sagen, aber Deutschland hat ihm definitiv mehr zu verdanken, als die Skeptiker seines Fußballs wahrhaben wollen.

Boateng brachte er das Verteidigen bei

Über den Menschen Guardiola hört man von ehemaligen oder aktuellen Spielern auch schon mal Beschwerden. Vom Fachmann schwärmen so gut wie alle. Etwa Jérôme Boateng, der vor seiner Zeit mit Guardiola immer wieder mal einen groben Fehler einstreute. Er sagte einst: "Vor Pep hat mir kein Trainer Taktik erklärt." Also auch nicht Jupp Heynckes oder Joachim Löw. In dem Buch Herr Guardiola schildert Boateng, wie er dank der Drills seines Trainers das strategische Abwehrspiel paukte. Das war neu für ihn und Guardiola wunderte sich, dass Boateng so unfertig ausgebildet war. In dem Buch heißt es:

"Boateng ist Autodidakt. Der junge deutsche Abwehrspieler hat Guardiola erzählt, dass ihm nie jemand beigebracht hat, wie man verteidigen muss. Boateng gesteht ihm, er habe nicht gewusst, dass man eine Abwehrkette organisieren kann; er habe ganz einfach geglaubt, die Kunst des Verteidigens sei angeboren."

Im WM-Finale 2014 verteidigte Boateng dann für zwei, ohne Guardiolas Input hätte wohl Argentinien gewonnen. Auch Toni Kroos bekam von dem Spanier einen entscheidenden Schliff, sodass er beim Titelgewinn eine wichtige Nebenfigur wurde und sich Real Madrid in ihn verkuckte. Man kann davon ausgehen, dass sich die sportliche Führung der Nationalmannschaft Sorgen machte, als Carlo Ancelotti kam, um Guardiola in München abzulösen. Wohl nicht ganz zu Unrecht, wie sich in Russland zeigte.

Zaubern kann Guardiola auch nicht

Wie wichtig Trainer sein können, zeigt auch das Beispiel André Schürrles, der Götzes Tor in Rio vorbereitete. Damals spielte er in Chelsea unter José Mourinho, ausgerechnet dem großen Widersacher von Guardiola, die beste Saison seiner Karriere. Der habe ihn "zum Mann gemacht", sagte Schürrle im Rückblick. Er meinte das im Sinne von: Er brachte mir das strategische Fußballdenken bei. Mesut Özil hatte seine stärkste Phase ebenfalls unter den Fittichen des Portugiesen. Götze und Schürrle waren trotz besten Alters in Russland gar nicht mehr dabei und der verwengerte Özil ist nicht mehr ganz so wichtig, wie er es mal war.

Nun diskutiert England über den Pep-Effekt. In der englischen Presse war er lange umstritten. Doch inzwischen führen nicht mehr nur seine Spieler den Halbfinaleinzug auch auf sein Wirken zurück. "Wir versuchen, all das, was wir unter Pep lernen, in die englische Mannschaft einzubringen", sagt Manchesters und Englands Abwehrchef John Stones. Und sein Außenverteidiger Kyle Walker fügt an: "Pep hat mir so viel beigebracht und hat mir unglaubliches Selbstvertrauen gegeben." Der Stürmer Raheem Sterling hat ebenfalls eine wichtige Rolle in Gareth Southgates Team übernommen. Guardiola soll mit ihnen auch während der WM kommunizieren.

Guardiola steckt auch bei einem anderen Halbfinalteilnehmer drin. Die Belgier Kevin De Bruyne und Vincent Kompany sind ebenfalls seine Kicker. Ein paar Jahre zuvor, in Chelsea unter dem Defensivmeister Mourinho, setzte sich der Spielmacher De Bruyne nicht durch. Guardiola entwickelte ihn zum wichtigsten Baustein im besten Team der reichsten und kompetitivsten Liga der Welt. Und dass Leroy Sané zurzeit von Guardiola geführt wird, hätte ein Grund mehr für Löw sein können, ihn mit nach Russland zu nehmen.

Bleibt die Frage, wie Guardiola den gesamten Stil "seiner" Länderauswahlen beeinflusst: Für sein Heimatland steht es außer Frage. Zwar wurde das Tiki-Taka-Land Spanien schon 2008 Europameister, als er noch Barcas B-Mannschaft coachte. Doch mit ihm verstetigten die Spanier ihre Dominanz. Vermutlich hängt ihr schwaches Abschneiden seit dem letzten Titelgewinn 2012 auch damit zusammen, dass der Meistertrainer damals sein Sabbatical einlegte und danach nicht mehr heimkehrte.

Die deutsche Mannschaft übernahm durch Lahm, Kroos, Boateng und Neuer Guardiolas Ideen. In Brasilien führte sie ihre Angriffe mit mehr Spielern durch als noch in Südafrika 2010. Ein typisches Merkmal der spanischen Schule.

Zaubern kann er natürlich auch nicht

Und England? Die letzten beiden Weltmeister Spanien und Deutschland hatten reifere, klügere, bessere Spieler in ihren Reihen. Diesen Mangel wegzaubern kann Guardiola nicht, sein Hattrick ist eher unwahrscheinlich. Die Three Lions erzielen die meisten Tore noch immer nach Standards und per Kopf, also auf nicht guardiolaeske Art. Auf der Insel setzt man im Nachwuchs mehr als anderswo auf Athletik und Dynamik, womöglich zu viel. Das sieht man der Elf an. Versucht sie zu kombinieren, gerät sie im letzten Drittel des Spielfelds oft in Sackgassen.

Doch auch sie baut das Spiel strukturierter auf als früher, spielt nicht mehr so britisch, Pässe sind wichtiger geworden. Gareth Southgate war so klug und ließ sich vor der WM auf Guardiolas Vorschlag zum Austausch ein. Der ehemalige englische Nationalspieler Paul Scholes adelte bereits den Kulturbruch und sagte: "Guardiola ist eine Inspiration für diese Mannschaft."