ZEIT ONLINE: Herr Worm, die Niederlage gegen Österreich und das vorzeitige Aus bei der WM 1978 ist als Schmach von Córdoba in die Geschichte eingegangen. Wir fragen für ein paar aktuelle deutsche Fußballer: Wie fühlt sich eine Schmach an?

Ronald Worm: Gegen Österreich zu verlieren, ist immer eine Schmach. Besonders, wenn man den Gegner unterschätzt hat, ihn nicht ernst genug nahm. Deswegen hängt uns die Niederlage immer noch nach, steckt in den Schuhen wie ein Stein. Aber war das Turnier so eine große Schmach? Ich bezweifle das. Der WM-Modus war ein anderer, uns haben nur ein paar Minuten gefehlt, um in das Spiel um Platz 3 zu kommen. Gegen gute Holländer lagen wir lange 2:1 vorn, das Finale lag also auch in Reichweite. Da wiegt das Aus in der Vorrunde, wie es der deutschen Mannschaft jetzt in Kasan passiert ist, deutlich schwerer als Córdoba.

ZEIT ONLINE: Sie waren damals im Kader, spielten aber keine Minute.

Worm: Eine Mannschaft gewinnt immer zusammen und sie verliert zusammen. Das galt damals schon genauso wie heute. Ich bin auch weit davon entfernt zu behaupten, dass es mit mir auf dem Platz erfolgreicher gelaufen wäre.

ZEIT ONLINE: Sind Sie jetzt vom deutschen Aus in Russland überrascht?

Worm: Mir geht es nicht anders als allen anderen Fußballfans, die negative Überraschung ist groß. Aber es kommt jetzt auch nicht völlig unerwartet.

ZEIT ONLINE: Weil man das jetzt in diesen Tagen jeden ehemaligen Fußballprofi fragt: Woran hat es gelegen?

Worm: Ich hatte gegen Südkorea nie das Gefühl, dass da ein Aufbäumen da war. Niemand kann erwarten, dass eine Mannschaft durchgehend brilliert. Man kann nicht immer den besten Fußball spielen. Aber man kann alles geben, immer. Das habe ich vermisst. Gegen Südkorea dachte ich beim Anpfiff, dass die Mannschaft Schlaftabletten vor dem Spiel bekommen hat. Im ganzen Turnier fehlte die Balance zwischen Abwehr und Angriff, die Mannschaftsteile haben nicht zusammengearbeitet. Offensivspieler, die den Ball verloren haben, sind nicht immer mit zurückgeeilt.

ZEIT ONLINE: Wie war das denn damals 1978?

Worm: Wir hatten immer Disziplin, haben immer gekämpft, gerackert, alles getan, um auch ein Spiel zu gewinnen, in dem wir schlechten Fußball spielen. Die deutschen Tugenden, die man heute belächelt, waren damals oft entscheidend. Das bescheinigten uns auch die Gegner aus Südamerika oder Afrika nach den Spielen. Die hatten nicht so viel Disziplin wie wir, konnten das Tempo nicht halten. Wir schon. In der Schlussphase eines Spiels haben wir sie oft niedergekämpft. Mittlerweile hat sich das alles verlagert. Auch südamerikanische und afrikanische Teams spielen heute sehr diszipliniert und reif. Das macht es viel schwieriger, gegen sie zu gewinnen.

ZEIT ONLINE: Wie waren Sie 1978 eigentlich untergebracht?

Worm: 60 Kilometer von einer größeren Stadt entfernt. Mitten auf dem Land in einem Erholungslager des argentinischen Militärs. Rundherum hohe Mauern, bewaffnete Soldaten. Sechs Wochen waren wir da eingepfercht. Wir kamen nur zu den Spielen und für ein, zwei Ausflüge raus. Aber auch da streng bewacht, deutsche GSG-9-Soldaten waren dabei. Wieso fragen sie das?

ZEIT ONLINE: Weil das deutsche Quartier in Russland auch ein Thema war.

Worm: Das Heute ist eine andere Zeit. Was die Jungs heute für Privilegien genießen, davon haben wir damals nicht mal geträumt. Wenn wir in die Heimat telefonieren wollten, mussten wir uns in Listen eintragen. Dann standen wir zu ausgewählten Terminen an der Telefonanlage. Nach sieben, acht Versuchen stand meist eine Leitung, wenn nicht, Pech gehabt. Und das über mehrere Wochen. Da musste man aufpassen, dass es keinen Lagerkoller gibt.

ZEIT ONLINE: Gab es den denn damals? Kann man sechs Wochen harmonisch zusammenleben?

Worm: Es gab bei uns schnell Grüppchenbildung. Die Kölner, die Münchner und die Hamburger haben ihr eigenes Ding gemacht, ihre Freizeit untereinander verbracht. Hätte es beim Essen nicht lange Tischreihen gegeben, sondern Gruppentische, hätten wir auch getrennt unsere Mahlzeiten eingenommen. Es gab ja auch nicht viel, was man hätte zusammen machen können. Wir hatten ein paar Kassettenrekorder und einen Billardtisch. Zudem war die Presse auch an diesem Ort untergebracht. Da standest du immer unter Beobachtung. Wenn du was Falsches gesagt hast, stand es am nächsten Tag in Deutschland in der Zeitung.

ZEIT ONLINE: Auch bei der WM in Russland wurde diskutiert, ob es in der Mannschaft Zerwürfnisse gibt.

Worm: Es ist ja auch immer die Frage, ob es einen Häuptling gibt, einen Chef. Wir hatten damals das Problem, dass unser Schlüsselspieler kurz vor dem Turnier aus der Nationalmannschaft ausgeschieden ist. Franz Beckenbauer hat die Mannschaft zusammengehalten. Solange er da war, gab es keinen Zank. Kurz vor der WM ist er in die USA gewechselt, und aufgrund der DFB-Statuten, dass keine Legionäre in der DFB-Elf spielen dürfen, fiel er kurz vor dem Turnierstart aus. Das haben wir als Team nicht verkraftet.

ZEIT ONLINE: Auch im 78er-Kader gab es prominente Spieler, denen man Führungsstärke attestierte.

Worm: Nach dem schlechten Auftakt gegen Polen saßen wir, wie sagt man heute, etwas länger in der Kabine und haben mal ein paar Dinge auf den Tisch gebracht. Aber im Nachhinein gab es keinen, der sich als Führungsspieler herauskristallisiert hat. Es gab den Sepp Maier, den Spaßvogel. Der hat mal einen Witz gemacht, wir haben gelacht, aber das war es auch.

ZEIT ONLINE: Eine weitere Parallele zwischen 78 und heute, die manche sehen, ist die politische Diskussion. Deutschland spielte damals in Argentinien in einem Land, in dem das Militär herrschte. Es wurde gemordet und gefoltert, Menschen wurden aus Flugzeugen geworfen oder mit Beton an den Füßen in Flüssen versenkt. Heute wird über das Erdoğan-Foto diskutiert. Streitet man in einer Nationalmannschaft über Politik?

Worm: Wir haben nicht darüber gesprochen, es war kein Thema. Die örtlichen Zeitungen konnten wir nicht lesen, weil wir die Sprache nicht verstanden. Und in den deutschen wurden auch nicht viel über argentinische Politik geschrieben. In unserer Unterkunft fernab vom Schuss sind auch keine Eindrücke aus dem Land auf uns eingeprasselt. Wir waren abgeschirmt.