In Russland ging in diesen Tagen ein Gag herum. 

Fragt ein Moskauer einen Besucher: "Sagen Sie uns bitte, als aus der Ferne angereister Gast, wie Ihnen Moskau während der WM gefallen hat."

Der Besucher: "Ich war überrascht vom Service, der Kultur, den freundlichen Menschen."

Der Moskauer: "Und woher kommen Sie?"

Der Besucher: "Aus dem Moskauer Vorort Textilschiki."

Ein Witz, der viel über Russland in diesen Tagen verrät. Nicht nur die WM-Touristen bekundeten ausdauernd Sympathie für den Gastgeber, auch die Bürger des Landes erlebten in der Hauptstadt ungeahnt angenehme Wochen. Sie sind fast schon begeistert von sich und der Freundlichkeit, mit der sie das WM-Turnier umarmt haben.

Die WM geht am Sonntag zu Ende, ohne dass Hooligans wüteten, ohne Chaos und mit dem Gefühl der Russen, der Welt ihr warmes, schönes Land gezeigt zu haben. Russlands Bürgerinnen und Bürger sind die heimlichen Gewinner.

Endlich Klischees widerlegt

Das liegt auch daran, dass eine tiefere Beschäftigung mit Russland in den allermeisten Ländern, aus denen die WM-Touristen kamen, zuvor kaum stattfand. Umso mehr spürte man den Stolz der Russen, einige Klischees endlich widerlegen zu dürfen.

Zum Beispiel das über die Rückständigkeit. Würde ein Russe den deutschen Breitbandausbau verfolgen, müsste er angesichts der permanenten Verfügbarkeit von WLAN und LTE in seinem Land laut lachen. Die Taxi-App Yandex ist perfekt, die Metros, die im Sechzigsekundentakt fahren, lassen einen mit Schmerzen an den deutschen Nahverkehr denken. Es ist der Alltag der Russen, der am meisten beeindruckt hat.

Fans, die gekommen waren, vor allem die vielen aus Südamerika, riefen in russische TV-Kameras, was für ein großartiges Land sie erlebt haben. Die Straßen waren sauber, die Menschen immer hilfsbereit, die Parks grünten. Russland hatte sich lange auf diese fünf Wochen vorbereitet. Das spürte man.

Kassiererinnen im Supermarkt wollten mit Kolumbianerinnen Englisch lernen. In den Nachtzügen teilten Russen mit unvorbereiteten Gästen ihr Essen und die Dating-App Tinder glühte. Mehr als eine Million WM-Touristen reiste in den vergangenen Wochen von der Enklave Kaliningrad bis nach Jekaterinburg. Flughäfen und Bahnhöfe sahen wegen der vielen Trikots aus wie ein Sportladen, das Stimmenwirrwarr klang nach einem Barabend, an dem sich ein Erasmus-Jahrgang zum ersten Mal kennenlernt. Wohl noch nie waren so viele Touristen auf einmal im Land.

"Nach Juri Gagarin vielleicht das Beste, das uns passiert ist"

Der große Stimmungsmacher aber war der Erfolg des eigenen Teams. Die spontane Freude, die sich in der Nacht nach dem Sieg über Spanien in Moskau und anderswo entlud, wird denen, die dabei waren, noch lange in Erinnerung bleiben. Es wurde auf der Straße gesungen, getanzt und getrunken, sogar Polizeibarrikaden in der Nikolskaja-Straße hielten die Russen nicht auf. Nichts passierte. Laissez-faire-Polizisten, das kannte man vorher einfach nicht. Solche Nächte können das Selbstbild einer Gesellschaft verändern.

Robert Ustian, der eine Faninitiative gegen Rassismus gegründet hat, ist stolz: "Es ist nach dem Flug von Juri Gagarin vielleicht das Beste, das uns passiert ist", sagte er auf einer Podiumsdiskussion. Der Fifa-Präsident Gianni Infantino pries die WM als die beste aller Zeiten an. Das ist die übliche Fifa-Folklore, doch wenn Infantino sagt, die Welt habe Vorurteile gegenüber Russland abgebaut, stimmt das wahrscheinlich. Es ist womöglich die wichtigste Errungenschaft dieser WM.