Russland – Kroatien 5:6 nach Elfmeterschießen

1:0 Tscheryschew (31.)
1:1 Kramarić (39.)
1:2 Vida (101.)
2:2 Fernandes (115.)

Elfmeterschießen:
Subašić hält gegen Smolow
0:1 Brozović
1:1 Dsagojew
Akinfeev hält gegen Kovacić
Fernandes verschießt
1:2 Modrić
2:2 Ignatschewitsch
2:3 Vida
3:3 Kusjajew
3:4 Rakitić

Wie begann das Spiel?

Der Schiedsrichter hatte kaum angepfiffen, da rieben sich die ersten Beobachter verwundert die Augen. War das tatsächlich Russland, das da angriff? Gegen Spanien hatte sich die Mannschaft beinahe 120 Minuten dagegen gesträubt, die Mittellinie zu überqueren. Die Aversion war derart groß, dass man befürchten musste, in der anderen Hälfte würde ein Zahnarzt mit rostigem Bohrer warten. Gegen Kroatien aber griffen die Russen forsch an. Wie ein Chamäleon die Farbe wechselten sie ihre Vorgehensweise, und sollten auch bald belohnt werden. Denis Tscheryschew, dem schon im Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien ein gemaltes Tor gelungen war, schoss einfach noch ein gemaltes Tor. Aus 20 Meter, direkt in den Winkel. Es war sein vierter Turniertreffer, Tscheryschew Eingehen in die russische WM-Geschichte schien vorgezeichnet.

Was war mit den Kroaten los?

Kroatien spielte ungewohnt passiv, kam aber dennoch schnell zum Ausgleich. Mandžukić flankte scharf auf Kramarić, der Hoffenheimer hielt den Kopf hin und schon stand es 1:1. Das Tor gab Kroatien Sicherheit, in der zweiten Halbzeit bestimmte der Favorit das Spiel. Ein Schuss von Ivan Perišić klatschte an den Innenpfosten und kullerte von dort wieder ins Feld zurück. Abgesehen davon gab es kaum Torchancen, die Verlängerung war die logische Konsequenz. 

Was passierte in der Verlängerung?

In allen Achtelfinalspielen war die Extraspielzeit so lästig und verzichtbar wie Werbung bei einem Blockbuster, es passierte nichts, von dem man sagen konnte, dass man es hätte gesehen haben müssen. Im einzigen Viertelfinale, das nicht nach 90 Minuten entschieden wurde, war es anders. Domagoj Vida, der Verteidiger mit dem freundlichen Gesicht und der fiesen Frisur verwandelte einen Eckball per Kopf zur 2:1-Führung. Kroatien lebte, der Traum vom Finale lebte und im Stadion starb die Hoffnung der russischen Fans. Ihr Trainer Tschertschessow ruderte wie wild mit den Armen, aber es waren nicht die Mücken im schwülen Sotschi, die er vertreiben wollte, sondern die Stille. Russland brauchte seine Fans und mit dem Publikum fand auch die Mannschaft noch mal zurück in diesen Abnutzungskampf, der Krämpfe produzierte und am Ende auch Könige. Jedenfalls auf kroatischer Seite.

Russland wollte sich mit dem Ausscheiden aber noch nicht abfinden. Nach einem Freistoß brachte Mario Fernandes, Russlands eingebürgerte Brasilianer, seinen Kopf an den Ball, 2:2. Wieder musste das Elfmeterschießen entscheiden. Schon im Achtelfinale hatten sich beide Mannschaften der nervenaufreibendsten Form der Entscheidungsfindung stellen müssen. Im Fall von Russland war viel von Glück die Rede gewesen: schwache Gruppe und dann ein Auftritt gegen Spanien, wie man ihn nur einmal im Leben gewinnt. Gegen Kroatien aber spielte die Mannschaft wie ein verdienter Viertelfinalist, ging in Führung, kam in der Verlängerung nach einem Rückstand zurück und verabschiedete sich ehrenvoll von der WM. 

Wer wurde zum Helden?

Kroatiens Torwart Danijel Subašić hatte sich in der regulären Spielzeit verletzt, mit Mühe schleppte er sich dem Abpfiff entgegen. Als dann feststand, dass das Spiel in die Verlängerung ging, musste Kroatiens Trainerstab entscheiden, wie es mit Subašić weitergeht. Auswechseln oder drin lassen? Die Physiotherapeuten kneteten was die Finger hergaben und Subašić signalisierte, dass er auf dem Platz bleiben wollte. Im Achtelfinale gegen Dänemark konnte er schon drei Elfmeter abwehren, während seiner ganzen Karriere hielt er ein Drittel aller Strafstöße. Wenn also einer Kroatien ins Halbfinale bringen könnte, dann er. Mit dieser Entschlossenheit ging Subašić ins Entscheidungsschießen. Den ersten, unglaublich schlecht geschossenen Elfmeter von Igor Smolow hielt er, den von Mario Fernandes guckte er mit seinem grimmigen Blick einfach neben das Tor. Kroatien hatte Glück beim Elfmeter von Luka Modrić, der vom Pfosten noch ins Tor prallte. Spätestens da war klar, dass dieser Abend für Russland kein gutes Ende nehmen würde. 

Wie weit kommt Kroatien?

Bisher galt Kroatiens Generation von 1998 als die goldenste dieser großen, kleinen Sportnation. Davor Šuker, Zvonimir Boban oder Robert Prosinečki sind bis heute Helden. In Frankreich reichte es am Ende für Platz drei, die Generation von 2018 will mehr. Die Frage ist nur, wie viel diese Mannschaft noch leisten kann. In beiden K.-o.-Spielen musste sie über die maximale Distanz gehen, England dürfte im Halbfinale deutlich ausgeruhter sein. Historisch bedingt sollten die Kroaten versuchen, England in ein Elfmeterschießen zu verwickeln. Ob man das drei Mal in Folge gewinnen kann? Danijel Subašić dürfte darauf eine eindeutige Antwort haben.