32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Hat man einmal russische Hochzeiten verstanden, verkraftet man auch das WM-Aus der Russen. Sie sind ein lose getakteter Ablauf von Essen, Spielen, Tänzen und vor allem: Reden, ausdauernd und herzzerreißend. Die Mutter des Bräutigams durchschreitet vor dem Spiel gegen die Kroaten nochmal alle Täler und Höhen ihrer Erziehung, der Vater der Braut sagt: "Ohne Schwierigkeiten ist ein Leben nicht komplett. Die Liebe aber hält euch zusammen."

Man kann das ohne Probleme auf diese russische Mannschaft übertragen. Mit dem 3:4 nach Elfmeterschießen gegen die Kroaten endet der Lauf eines Teams. Es war wieder ein großer Kampf über 120 Minuten. Die Russen können stolz sein auf ihr Team, das sich entgegen jeder Erwartung ins Viertelfinale der Weltmeisterschaft verteidigt hatte.

Zum Beispiel entgegen der Erwartungen von Jenya und Nikita. Sonst hätten sie ihre Vermählung nicht auf den Tag dieses Spiels gelegt. Wie sie rechnete wohl keiner damit, dass die Russen Anfang Juli überhaupt noch mitmachen dürfen bei dieser WM. Deshalb sagte auch ich zu. Und natürlich, weil man eine Einladung für eine russische Hochzeit nicht ausschlägt.

Jenya kenne ich seit einem Studium in Wien, natürlich lud sie mich ein, als sie erfuhr, dass ich zur WM hier sein werde. Wer wie ich zum ersten Mal im Land ist, macht sich natürlich über viele Gewohnheiten des Landes Gedanken: Wie man es schafft, beim Kellner zu bestellen. Wie man über die zehnspurigen Straßen kommt. Und eben wie es auf einer russischen Hochzeit so zugeht.

Dass viel gegessen und getrunken wird, ist nämlich nicht nur ein Gerücht. Dass es von einer strengen orthodoxen Variante bis hin zur millionenschweren Oligarchenfeier mit Lady Gaga alle möglichen Hochzeitsvarianten gibt, ist ebenfalls wahr. Doch ein WM-Spiel zu zeigen, das lag bis zum Samstag außerhalb des russischen Hochzeitskodex. Sagt mir Juri, ein Freund des Bräutigams.

Bevor alles beginnt, sitzen er und ich in der Parkanlage am Fluss Istra in Babkino, etwa 60 Kilometer außerhalb von Moskau. Er will so viel Wodka trinken, bis er nachts in den Fluss springt. Als Fernandes das 2:2 in der 115. Minute köpft, springt er erstmal den Bräutigam an.

Wie es so ist in einem Land, das von einer Art WM-Euphorie erfasst ist: Das Spiel bestimmte, je länger es dauerte, die Hochzeit. Während der ersten Minuten findet die Trauung unten am Fluss statt. Nebel steigt auf, der Regen ist weg. Fast keiner ist am Fernseher, während oben im Zelt Luka Modrić alles richtig macht. Er spielt einen wunderbaren Pass nach dem anderen, für den man ihn ebenfalls heiraten will.