Es ist sechs Uhr morgens auf Hawaii und das Meer ist voll. Während der Sandstrand erst noch auf Temperatur kommt, sind die besten Spots bereits besetzt. Der Kampf um den Wellenkamm beginnt. Der Kampf der Surfer, der Wellenreiter, der Hang-Loose-Guys, der Laid-Back-Typen. Nur einer von ihnen aber wird den Adrenalinrausch erleben können. Wo der Kamm der Welle schäumend bricht, der Hang am steilsten und die Anforderung an die Technik am höchsten ist, wird gleich nur einer reiten können, direkt durchs Barrel, den Wellenkanal. Er wird der König der Riesenwelle Banzai Pipeline sein, während dutzende Konkurrenten abbrechen und ihm neidisch nachblicken. 

Surfer aus aller Welt strömen hierher, an die Nordküste der hawaiianischen Insel O‘ahu. Einmal im Jahr findet hier gar das Finale der World Surf League (WSL) statt. "Die Pipeline ist die berühmteste Welle der Welt – und das aus gutem Grund. Deswegen geht es hier oft zu wie in New York: "Super hektisch", sagt Travis Smith, dem man seine Worte gar nicht so richtig abnehmen möchte. Lange Haare, relaxte Haltung, dazu der kleine, gelbe Shop für Organic Coffee, den er mit seinen Brüdern ein paar Minuten entfernt von der Superwelle betreibt.  

Die Smith Brothers und ihr Sunrise Shack sind so ziemlich das Gegenteil vom hektischen New York. Natürlich blieb ihre Holzhütte nicht lange unentdeckt und gehört nun zum Pipeline-Inventar. Sie passt zum unkomplizierten und auch kitschigen Surfertraum vom Einklang zwischen hübschen Sportlern, Leistung, Natur, Sonne und Strand. Surfen liefert spektakuläre, paradiesische Bilder, die sich über Instagram und YouTube perfekt vermarkten lassen. So werden mehr und mehr Menschen in den Bann der großen Wellen gezogen.

Doch gerade diese Erfolgsstory stellt die Wellenreiter-Community vor eine große Herausforderung. Im Paradies ist nicht Platz für alle. Zwar gibt es weltweit Tausende Kilometer Küste, aber die Zahl der brauchbaren Spots – dort wo Riffe, Küstenverläufe, Strömungen, Jahreszeiten und Windverhältnisse die begehrten Wasserberge formen – ist begrenzt. Wellen, die beim Bruch das begehrte Barrel formen, sind eine endliche Ressource mit zu vielen Nutzern.

Bescheidene warten schon mal acht Stunden im Wasser

Kein Wunder also, dass sich an der Pipeline mehr Wellenreiter tummeln, als es reitbare Wellen pro Tag gibt. "Wenn die optimale Surfzeit im Winter einbricht, verwandelt sich die Nordküste in ein einziges Surf-Mekka", sagt Smith. Der Kampf um die Welle führte schon zu aufgeschlitzten Autoreifen oder Schlägereien – und einen komplexen, ungeschriebenen Code, der die Hierarchien auf den Surfbrettern festlegt. Anstehen macht sich halt schlecht im Wasser zwischen acht Meter hohen Brechern.

"Im Grunde kann jeder starten. Doch Einheimische mit dem nötigen Skill haben eine Art Vorrecht. Surfer von außerhalb erkennen das am Auftreten und Verhalten – und sollten das respektieren", sagt Smith, der selbst aus einer Wellenreiterfamilie aus Kaua'i stammt. Menschenkenntnis, Respekt – und ein guter Schuss Risiko stellen die Grundlage des Surfkodex.

Wer als Unbekannter den Ritt seines Lebens sucht, muss sich erst Respekt verdienen. Bescheidene warten da schon mal sieben, acht Stunden im Wasser. Ungeduldige setzen hingegen viel aufs Spiel: Sie müssen sich an gefährlicheren Stellen positionieren, um näher am Wellenbruch zu sein und die Welle zu reiten. Nicht jeder packt das. "Regelmäßig gibt es Tote und die Liste der Verletzten ist lang", sagt Smith.

Die Pipeline ist unerbittlich und verzeiht Fehler selten. Aber nicht nur die. Wer einem Local eine Welle vor der Nase wegschnappt oder gar mit verdienten Heroen beim Turn kollidiert, wird als unerwünschte Person gebrandmarkt. "Solche Leute wurden auch schon mal direkt zum Flughafen gefahren und ihnen nahegelegt, nie wieder zu kommen", sagt Smith.

"Als ob man Federer und Nadal den Tenniscourt wegnimmt"

Auch Profis sind dem Kodex unterworfen. Selbst sie, die in der Hierarchie ganz oben stehen, verlieren im Training ab und an Wellen an Amateure. "Ich verstehe zwar, dass die Ozeane ein öffentliches Gut sind, aber das ist ungefähr so, als ob man zu Roger Federer oder Rafael Nadal auf den Platz stürmt und ihnen den Tenniscourt wegnimmt. Das würde auch niemand machen", sagt Johanne Defay, die in den vergangenen Jahren beste Surferin Europas.

Defay, Französin von der Insel La Réunion im Indischen Ozean, surft ihre vierte Saison in der WSL. Die Liga und ihre Vorläufer sind seit mehr als drei Jahrzehnten der treibende Motor hinter der Professionalisierung des Sports. Ab 2020 in Tokio wird der Sport sogar olympisch, was zu Popularität und Wachstum noch ein gutes Stück beitragen wird, wie viele Wellenreiter fürchten. Die Erfolgswelle frisst ihre Kinder.

Der neue olympische Status sorgte für viel Bewegung in der Szene. Surflegenden spekulieren auf ein Comeback, Nationalitäten werden gewechselt und Hawaii wird zum zweiten Mal seine Unabhängigkeit verlieren: Die Pazifikinseln treten in der WSL normalerweise als eigene Nation an, müssen aber für Olympia zwangsläufig den USA eingegliedert werden. Die Folge: zu viele hochklassige Profis für zu wenige US-Plätze.

Johanne Defay muss sich dank ihres Niveaus und der fehlenden internen Konkurrenz keine Sorgen machen. "Ich bin Athletin und habe deswegen schon immer davon geträumt, Teil der Olympiade zu sein." Ganz so zwanglos glücklich wie viele Topsurfer sind aber längst nicht alle Wellenreiter.