Infrage steht zum Beispiel, ob es überhaupt zu einem ordentlichen Wellengang am eher durchschnittlichen Wettkampfstrand Shida kommt. Wellen lassen sich schließlich schlecht für bestimmte Wochen im Jahr buchen. Und auch der ehrgeizigste Surfer würde lieber auf einem ordentlichen Brecher sein Können demonstrieren, als auf einer besseren Freibadwelle Olympiasieger zu werden. 

Surfer weltweit verlassen sich deswegen auf etliche Vorhersage-Dienste wie Surfline oder Magicseaweed. Türmt sich getrieben von Hochseestürmen irgendwo auf der Welt der perfekte Swell auf, wie die Anbrandung verheißungsvoller Wassermassen im Surfersprech heißt, packen Wellenreiter allerorten ihrer Bretter und Neoprenanzüge. Das globale Surferrudel scheut auf einer solchen Strike Mission weder tagelange Flüge noch eremitenhaft abgelegene Buchten.

Eben noch menschenleere Strandidylle werden sodann von zwei Wellen heimgesucht: Während das Wasser seewärts hereinrauscht, strömen vom Land die Surfer heran. "Eine solche Entscheidung triffst du innerhalb weniger Minuten", sagt Travis Smith. "Schließlich musst du meist noch am selben Tag deine Bretter zusammenpacken und losfliegen, um die Wellen zu ergattern." Die Smith-Brüder haben so einige ihrer besten Turns erlebt, flogen dafür aber auch beispielsweise mal mehr als 35 Stunden von Hawaii nach Namibia zur Skeleton Bay. Und längst nicht jedes Mal waren sie erfolgreich. Surfer benötigen viel Herzblut, Geduld und Sitzfleisch – sowohl im Flugzeug, als auch auf dem Board im Wasser.

Wo eine große Nachfrage ist, ist auch technischer Fortschritt nicht weit. 2007 wurde der batteriebeheizte Wetsuit erfunden, der auch bei kalten Wassertemperaturen lange Turns ermöglicht. Seitdem boomen Spots an antarktischen Strömungen wie Namibia oder der Pazifikküste Südamerikas. Seit Kurzem durchwirbelt aber eine ganz andere Erfindung die Gemüter in der Surfwelt: der künstliche Wellenpool.

Zerrissen zwischen Wunsch, Respekt und Notwendigkeit

In diesem Jahr fand in Kalifornien der erste WSL-Kontest auf einer menschengemachten Welle statt, die die massive Energie und den Bruch ihrer natürlichen Vorbilder nachahmen konnte. Auch Johanne Defay ist die künstliche Welle bereits gesurft. "Die Pools werden das Wachstum der letzten 15 Jahre in der Branche sicherlich befeuern. Aber ob das gut oder schlecht ist, kann ich gar nicht beurteilen."

Die Szene ist innerlich zerrissen. Einerseits ist da das Verlangen nach dem sicheren, perfekten Turn und die Möglichkeit, den Andrang an den Stränden zu reduzieren. Andererseits ginge dem Sport, so die Kritiker, Natürlichkeit und Unvorhersehbarkeit verloren – und damit ein gutes Stück der Surfer-DNA.

Und dann ist da noch die Geschichte vom Respekt. Der bezieht sich nicht nur auf andere Surfer, sondern auch auf die Natur. Die Namen der besten Spots – Mavericks, Pipeline, Ours oder Teahupoo – lösen bei Anhängern der Wellengemeinde nicht bloß wohlige Schauer aus; sie werden verehrt wie Heilige, oder fast wilde Strandgottheiten. Diese nachzuahmen, stellt für einige beinahe ein Sakrileg, zumindest eine Respektlosigkeit dar.