Murat Doğan, 42, arbeitet als Pädagoge in der Kinder- und Jugendarbeit in Berlin-Kreuzberg. Seit 1993 ist er beim Fußballverein Türkiyemspor Berlin aktiv – erst als Spieler in der Regionalliga, nach einer Verletzung 1996 als Trainer im Nachwuchsbereich. Heute leitet er die Mädchen- und Frauenabteilung und ist im Vorstand des Vereins. Den Umgang der DFB-Spitze mit Mesut Özil in der Debatte über das Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der Fußball-WM sieht er kritisch.

ZEIT ONLINE: Herr Doğan, seit Tagen steht ein Deutungsmuster im Raum: Das Foto von Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan hat zum Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM geführt. Der Deutsche Fußball-Bund in Person von Reinhard Grindel forderte zuletzt eine öffentliche Erklärung Özils. Zu Recht?

Doğan: Ich finde, Özil hat das schon beantwortet, indem er sich jetzt nicht gewehrt hat.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Doğan: Man kann ja froh sein, dass Özil sich so zurückgezogen hat, dass er das alles über sich ergehen lässt. Das ist wahrscheinlich seine Art zu sagen: Es reicht, Leute. Ich könnte jetzt auch aufstehen und sagen: Herr Grindel erzählt Scheiße.

ZEIT ONLINE: Tut er das?

Doğan: Meines Erachtens nach, ja. Özil und auch İlkay Gündoğan haben sich längst eindeutig für Deutschland entschieden. Die tragen dieses Trikot, spielen für dieses Land. Was soll's denn mehr geben?

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel, dass man es besser weiß und sich als deutscher Nationalspieler nicht mit Erdoğan fotografieren lässt und seinen Wahlkampf unterstützt.

Doğan: Ich kenne sie nicht, aber ich denke, sie wussten es nicht besser. Das sind Fußballer. Die würden sich mit Merkel fotografieren lassen, die würden sich mit Putin fotografieren lassen, die lassen sich mit Erdoğan fotografieren. Tatsache ist auch, die Jungs haben einen türkischen, migrantischen Hintergrund. Sie haben Familie da. Und es ist nicht einfach, einem türkischen Präsidenten zu sagen: Nein, ich komme nicht.

ZEIT ONLINE: Der Teammanager des DFB, Oliver Bierhoff, hat zuletzt sogar die Frage in den Raum gestellt, ob man Özil nicht lieber zu Hause gelassen hätte.

Doğan: Was Oliver Bierhoff gesagt hat, ist das Dümmste, was man machen kann. Für mich war Özil im Spiel Deutschland gegen Südkorea einer der besten auf dem Feld. Wenn man ihn beobachtet, weiß man, der hat eine ganz besondere Art, Fußball zu spielen. Bei Werder Bremen haben sie damals gemeckert, dass bei ihm alles so lasch aussieht. Dann hat er die besten Sachen gemacht und alle waren so: oooh. Ob die es wahrhaben wollen oder nicht: Der Typ ist Weltmeister geworden mit der deutschen Nationalmannschaft. Und wenn das keinen Wert hat, dann tut es mir leid.