Als Ivan Rakitić den letzten Elfmeter ins Tor schoss, verstummte ein lautes Land. Ganz Russland trauerte mit seiner Nationalmannschaft, die in Sotschi gegen Kroatien ausschied. Sehr viele Russinnen und Russen entdeckten in den vergangenen drei Wochen ihre Liebe zu ihr, zum Fußball überhaupt. Euphorisch schrien sie ihr Team fast bis ins Halbfinale. Nach dem Aus bedankten sich Tausende auf dem Fanfest in Moskau bei den Spielern.

Jetzt muss das Turnier ohne seine großen Stimmungsmacher auskommen. Die Russen sind nicht mehr dabei, die Lateinamerikaner sind wieder zu Hause. Für die restlichen vier Spiele müssen die reservierteren Europäer die Party richten. Das sollte aber möglich sein, immerhin geht es um die Halbfinal- und Finalspiele.

Vor der WM in Russland hatten viele befürchtet, es würde ein stimmungsarmes Turnier. Russland ist nicht das, was man ein Fußballland nennt. Die Sbornaja galt als Verlierertruppe, und zu den Spielen der russischen ersten Liga kommen weniger Leute als zur deutschen zweiten.

Es kam alles ganz anders. Die tatsächlich bescheiden talentierte, aber kampfstarke russische Mannschaft wurde vom Heimvorteil getragen. Von ihrem Erfolg profitierte das gesamte Turnier. Auf den Straßen erlebte man einen bunten Karneval, es verbrüderten und verschwisterten sich Russen und Ausländer. Und in den Stadien war ordentlich was los, es ging die Post ab, es wurde richtig und mächtig laut.

Viele TV-Zuschauer, auch aus Deutschland, konnten es gar nicht glauben oder dachten vielleicht bei der Übertragung, der Fernseher sei kaputt oder die Sender manipulierten die Lautstärke. Doch es war und ist alles echt. Der Dezibelrekord könnte beim Achtelfinale Russland gegen Spanien aufgestellt worden sein. Schon ihre schöne und mollgesättigte Hymne schmetterten die Gastgeber, als ob ihr Team ein Tor dafür gutgeschrieben bekäme. Ob sie wissen, dass die in Go West variiert wird, einem auch bei der WM in Russland zu hörenden Fansong, der ursprünglich aus der amerikanischen Schwulenbewegung stammt?

Jeder Ball, der bloß in die spanische Hälfte flog, wurde fast hysterisch bejubelt. Und immer wieder: "Ra-siii-jaa, Ra-siii-jaa!" Wer auf seine Gesundheit wert legt, hätte Ohrenstöpsel dabeihaben sollen. Die russischen Fans, viele, besonders Frauen, mit conchitawursthaften Tschertschessow-Bärten versehen, wirkten aber nie aggressiv, eher kindlich. Und sie griffen internationale Standards auf. Sie praktizierten in jedem Spiel La Ola, aber auch das isländische Huh.

Kein Zweifel, die Russen haben sich bei ihrem Sommermärchen von den Fans aus Lateinamerika anstecken lassen. Nach Russland reisten Hunderttausende, ungerührt von politischen Debatten. Es ist Fußball-WM, und da geht's hin! Wenn auf dem Grund des Baikalsees gespielt würde – die Argentinier, Peruaner, Brasilianer, Kolumbianer und Mexikaner wären da.

Und mit ihnen die gute und ansteckende Laune. Die Mexikaner, die größten Partymacher, verpassten allen einen Ohrwurm. So schön sangen sie überall, wo sie auftauchten, ihr Ay, ay, ay, ay! Canta y no llores! Singe und weine nicht! Die Stadien gehörten ihnen. Die Argentinier können das auch. Bei jedem Spiel, aber auch auf dem Roten Platz ertönte, zur Melodie von Bad Moon Rising, einem CCR-Klassiker, Brasil, decime qué se siente, ihr Schmählied auf die Brasilianer.

Und als ihre Elf im Spartak-Stadion von Moskau in der Nachspielzeit den Ausgleich gegen England schoss, schrien Zigtausende Kolumbianerinnen und Kolumbianer vor Freude. Wie sie während des Spiels mitgingen und mithüpften, war typisch südamerikanisch. Hier versteht man den Fußball als Auflehnung gegen die Unterdrücker. Ein ganzes Stadion badete in Adrenalin.