Antifußball werde in Russland gespielt. Das sagten die Belgier Eden Hazard und Thibaut Curtois nach ihrer Halbfinalniederlage über den eher rationalen Stil Frankreichs. Auch Julian Nagelsmann, der künftige Trainer von RB Leipzig, hat sich gelangweilt. Und viele Fans und Leser meckern über die "schlechteste WM aller Zeiten".

Grundsätzlich ist die schlechte Zensur für diese WM nicht verkehrt, ihr liegt aber ein Missverständnis zugrunde. Es ist nämlich Ähnliches zu beobachten wie bei jedem großen Turnier. Es sind die gleichen Spieler beteiligt wie in der Champions League, doch der Unterschied zwischen dem stärksten Clubwettbewerb der Welt und einer WM wächst auch in Russland weiter.

Das liegt in der Natur der Sache und ist im Fußball nicht anders als im Handball und Basketball. In Vereinen trainieren die Spieler viel öfter zusammen, Manager kaufen Fußballer, um ihre Kader zu entwickeln. Ländermannschaften hingegen treffen sich nur ein paar Wochen im Jahr. Überhaupt arbeiten die besten Trainer, Scouts oder Analysten nicht bei Nationalverbänden, sondern bei Topclubs. Vereinsteams sind daher besser organisiert und eingespielter als Nationalmannschaften. Real Madrid würde gegen Frankreich gewinnen, der FC Bayern gegen Kroatien.

Welt- und Europameisterschaften haben einen falschen Ruf, und das stellen auch die vielen Experten immer wieder fest, die Verbände wie der DFB auf die Tribünen schicken: Diese Turniere sind keine Messen, auf denen die neuesten Innovationen des Fußballs vorgestellt werden, sondern, vor allem in der Gruppenphase, Völkerfeste. Aber auch die K.-o.-Runde, in der Qualität und Intensität steigen, erreicht selten bis nie das Niveau der Champions League, an die auch der deutsche TV-Zuschauer zunehmend gewöhnt ist. Und die seit einem Jahrzehnt etwa eine Hochphase vor allem durch die Vereine aus Madrid und Barcelona erlebt, zwischendurch auch durch Bayern München.

Mit ihrer Fundamentalkritik hatten Hazard und Curtois wohl im Sinn, dass die Franzosen im Halb-, aber auch im Viertelfinale je ein Tor nach einer Standardsituation erzielten und das dritte durch einen schweren Torwartfehler Uruguays im Viertelfinale. Also auf die billige Art. Tatsächlich läuft Frankreich praktisch ohne Stürmer auf. Olivier Giroud hat im gesamten Turnier noch nicht aufs Tor geschossen. Frankreich, eine sehr talentierte, aber inkomplette Mannschaft, steht trotzdem im Endspiel.

Dort trifft sie auf die Kroaten, eine vor allem kämpferisch starke Elf, angeführt durch den genialen Spielmacher Luka Modrić, die gegen Dänemark, Russland und England in die Verlängerung oder ins Elfmeterschießen musste. Erstaunlich, dass sie trotz einer matten ersten Halbzeit gegen England das Halbfinale überstand. In einem normalen Spiel hätte man zum Beispiel Mario Mandžukić, den späteren Siegtorschützen, nach dreißig Minuten ausgewechselt, so fertig war er. In der Champions League würde Kroatien kein Endspiel erreichen.

Belgien hätte fast im WM-Finale gestanden, eine Mannschaft mit einem starken Tormann (Curtois) und drei sehr guten bis überragenden Spielern, De Bruyne, Lukaku und Hazard, dem mit Modrić besten Spieler dieser WM. Doch der Rest des Teams war am internationalen Standard gemessen Durchschnitt. Das hätte im Europapokal nicht zu höheren Weihen genügt.