Bei den rechten Protesten in Chemnitz spielten rechtsextreme Hooligans eine wichtige Rolle. Der Fanexperte Robert Claus hat das Buch "Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik" geschrieben und erkennt in den Vorkommnissen in Sachsen Muster.

ZEIT ONLINE: Herr Claus, wie viele der Menschen, die am Sonntag und Montag in Chemnitz auf die Straße gingen, kann man zur Hooliganszene zählen?

Robert Claus: In Chemnitz war zu sehen, was die extreme Rechte in Sachsen zu bieten hat. Im Kern eine Mischung aus älteren, extrem rechten Kadern und einer sehr agilen und gewaltbereiten Szene aus Hooligangruppen und Kameradschaftsstrukturen. Und natürlich auch eine Masse, die für rassistische Mobilisierungen empfänglich ist.

ZEIT ONLINE: Da marschierten also Hooligans neben Jedermännern. Spüren die Hooligans, dass sie mit ihren rechtsextremen Positionen gerade in breitere Gesellschaftsschichten vordringen?

Claus: Ja. Die Zahlen vom Montag schwanken zwischen 5.000 und 8.000 Teilnehmern. Das war einer der größten und gewalttätigsten Aufmärsche der letzten Jahre. Das zeigt, dass die Hooliganszene gesellschaftlichen Einfluss hat. Das ist nichts Neues. In den vergangenen Jahrzehnten konnte man gerade im Raum Chemnitz eine Geschichte rechter Subkultur beobachten, zu der eben auch die extrem rechten Hooligans zählen, die sich wiederum schon immer als militante Vollstrecker des Volkswillens im rassistischen Sinne verstanden haben. Sie fühlen sich vom Rechtsruck der letzten Jahre motiviert.

ZEIT ONLINE: Zur Demonstration am Sonntag hat die Hooligangruppe Kaotic Chemnitz über Facebook aufgerufen. Wer ist das?

Claus: Kaotic Chemnitz hat sich in den 2000er-Jahren aus dem rechten Teil der Chemnitzer Fanszene heraus gegründet. 2012 hat die Gruppe vom Verein ein Auftrittsverbot bekommen, einzelne Mitglieder können aber immer noch ins Stadion, solange sie kein Stadionverbot haben. Kaotic hat sich trotz des Auftrittsverbots, das ja nur bei Heimspielen gilt, den Platz in der Szene bewahrt. Bei Kaotic gab es immer personelle Überschneidungen mit den Nationalen Sozialisten Chemnitz, die 2014 verboten wurden. Es hat sich am Vorbild HooNaRa, das für Hooligans, Nazis und Rassisten steht, orientiert, die von Anfang der Neunzigerjahre bis zur Auflösung im Jahr 2007 eine, vielleicht sogar die zentrale Hooligangruppe Ostdeutschlands war. In der Szene galt sie als sportlich führend, als diejenige, die bei den Prügeleien auf dem Acker die beste war. Politisch stand die Gruppe immer militant rechts. Kaotic hat enge Kontakte zu rechtsextremen Fangruppen in Cottbus und bewegt sich in den entsprechenden Netzwerken. Das geht Hand in Hand mit den NS-Boys, einer weiteren rechtsextremen Gruppe. Ich würde Kaotic auf maximal 20 bis 30 Leute schätzen. Wenn die mobilisieren, erreichen sie vielleicht 100 Leute, deswegen halte ich diesen Facebook-Post für überbewertet. Der kann nicht verantwortlich dafür sein, dass 800 bis 1000 Leute da waren. Viel wird über existierende Chat- und WhatsApp-Gruppen gelaufen sein.

Robert Claus, geboren 1983, arbeitet für die Kompetenzgruppe "Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" (KoFaS). © Kofas

ZEIT ONLINE: Warum sind so viele Hooligans rechtsextrem? Warum sind so viele Rechtsextreme Hooligans?

Claus: Es liegt an der Gewaltaffinität und dem Sozialdarwinismus. Rechtsextremismus kann man in einer Faustformel ja als Diskriminierung und Ideologie der Ungleichheit mit Gewaltbefürwortung definieren. Wenn man das Faustrecht, das Recht des Stärkeren, lebt, sind menschenabwertende, nationalistische Gedanken sehr, sehr nah. Deswegen sind viele Rechtsextreme selbst Hooligans oder zumindest Fans von Hooliganismus. Andersrum sind nicht alle Hooligans rechts. In Sachsen gibt es zum Beispiele eine Ausnahme: Die Hooligans von Chemie Leipzig verorten sich in der linksalternativen Szene.

ZEIT ONLINE: Nun gibt es auch im Westen Hooligans, im Osten aber ist das Problem deutlich ausgeprägter. Warum?

Claus: Ich glaube, das hat seine historischen Ursprünge in der Wendezeit, weil die Entstehung der rechtsextremen Kameradschaftsszene und die Entstehung der Hooliganszene in Ostdeutschland zeitlich in die Jahre 1989 bis 1992 fallen. Es gab schon vor der Wende gewaltaffine und rechtsextreme Fußballfans, aber die Gruppenstrukturen waren lose. Eine organisierte Hooliganszene gab es eigentlich nur beim BFC Dynamo, weil der als verhasster Stasiverein von allen anderen immer angegriffen wurde und seine Hooligans gezwungen waren, sich gut zu organisieren. Was 1989 bis 1992 passierte, ist bekannt. Es gab in Teilen des Ostens einen rechtsfreien Raum, in dem der Staat mit seinem Gewaltmonopol nicht mehr präsent war. Es gab plündernde Jugendgruppen, bei denen rechte Gedanken zum Teil vorhanden waren und die auf verschiedenen Wegen zu den Rechtsextremen kamen.