Das erste Wort war Ball. Als seine Tochter damals sprechen lernte, erzählt Joachim Böhmer, sagte sie nicht "Mama" oder vielleicht "Papa", sondern "Ball". Weil das Wort für kleine Kinder wie gemacht ist, eine Silbe, ein Vokal. Aber auch, weil ein Ball immer etwas Besonderes ist, weil er lockt und anzieht. Jeder, der einen Ball sieht, möchte etwas mit ihm anstellen, ihn anfassen, auftippen lassen, hochwerfen, fangen oder treten. "Jeder wird zum Spielkind, wenn er einen Ball in der Hand hält", sagt Böhmer.

Kaum jemand weiß das besser als Joachim Böhmer. Seit 34 Jahren ist er von Bällen umgeben. Von großen und kleinen, bunten und schwarzweißen, von Volleybällen, Medizinbällen und Basketbällen, von Gymnastikbällen und diesen Massagebällen mit Noppen, die die Durchblutung steigern sollen. Böhmer ist einer der beiden Geschäftsführer von Derbystar, und wenn am Freitagabend der FC Bayern gegen die TSG Hoffenheim die neue Bundesligasaison eröffnet, wird er gegen einen von Böhmers neuen Bällen treten. Gegen den Derbystar Bundesliga Brillant ASP, um genau zu sein, mit dem fortan alle Teams der ersten und zweiten Liga spielen werden. Es ist der Ball eines Mittelständlers vom Niederrhein, der gerade einmal fünfzig Mitarbeiter beschäftigt, während Adidas, der bisherige Ballausrüster der Liga, der globale Sportriese, nur zuschaut.

Tränen hätten die Mitarbeiter in den Augen gehabt

"Das Geheimnis des Fußballs ist der Ball", sagte Uwe Seeler mal, und Uwe Seeler hat natürlich immer recht. In der Tat überrascht, wie ungleichmäßig die Aufmerksamkeit für die beiden Worte des zusammengesetzten Substantivs Fußball verteilt ist. Über den Fuß und dem, was an ihm dranhängt, die Spieler also, werden jeden Tag Hunderte Zeitungsspalten gefüllt. Um den Ball aber kümmert sich kaum jemand.

Der Weg ins Reich der Bälle führt daher nach Goch, ein 34.000-Einwohner-Städtchen im Kreis Kleve kurz vor der niederländischen Grenze, wo sie stolz sind auf das Stadttor aus dem 14. Jahrhundert und ihr Freizeitbad, das sie GochNess getauft haben. Die Firma hat ihren Sitz in einem typischen Kasten im Gewerbegebiet, den man kaum bemerken würde, würde an dessen Fassade nicht ein riesiges Transparent mit einem ebenso riesigen Ball darauf hängen. "Letztens fuhren hier zwei Jungs mit ihren Rädern vorbei", sagt Böhmer. "Dann hielten sie an, zeigten auf uns und sagten: 'Da, der Bundesligaball!'"

Als die Deutsche Fußball-Liga vor gut einem Jahr erklärte, in den kommenden vier Saisons mit Derbystar-Bällen spielen zu wollen, da bespritzten Böhmer und seine Kollegen sich gegenseitig mit Sekt, als hätten sie ein Formel-1-Rennen gewonnen. Tränen hätten die Mitarbeiter in den Augen gehabt, und ein paar Tage lang seien alle umhergelaufen, als wären sie zwei Köpfe größer. Wie haben sie das geschafft?

Es ist ein Comeback, und es ist viel mehr als ein Comeback. Viele Jahre lang hatte Derbystar die Bälle für etliche Bundesligisten gestellt, für Bremen, Mönchengladbach oder Dortmund. 2010 aber entschied die DFL, dass nicht mehr jeder Verein seinen eigenen Spielball haben dürfe und schrieb den Einheitsball aus. Für Derbystar eine Nummer zu groß, Adidas bekam den Zuschlag. Die Unternehmer aus Goch stellten zwar fortan den Spielball in der niederländischen Eredivisie und später auch in anderen, kleineren Ligen Europas, in Deutschland aber fanden sie nur noch bei den Amateuren statt.

Der perfekte Ball besteht aus 32 Teilen

Dass man Derbystar nun wieder im deutschen Fernsehen sehen wird, kam überraschend. Adidas erklärte auf Anfrage: "Unsere offenen und vertrauensvollen Gespräche mit der DFL haben zu dem Ergebnis geführt, dass wir unsere langjährige, erfolgreiche Zusammenarbeit nach dem Auslaufen des Vertrages über die Saison 2017/18 hinaus nicht fortführen werden." Anderswo heißt es, Adidas habe bewusst nicht an der Ausschreibung teilgenommen und wolle im Zuge seiner Strategie enger mit international führenden Vereinen kooperieren.

Hatte das große Adidas also wirklich keine Lust mehr? Joachim Böhmer mag das nicht recht glauben. Hat die DFL vielleicht doch eher auf Qualität als aufs Geld geschaut? Böhmer sagt, er wisse nicht, wer und wie viele Konkurrenten ein Angebot abgegeben hätten. "Wir sind uns sicher, dass wir den Zuschlag nicht deswegen bekommen haben, weil wir das meiste Geld geboten haben." Was er eigentlich sagen möchte: Unsere Bälle sind einfach besser.

Schon immer sah sich die Firma als Ballspezialist. Die Konkurrenten nähten auch Turnschuhe und stellten Trikots her, bei Derbystar stand seit jeher das Runde im Vordergrund. Einer der Väter der Firma war der dänische Nationaltorhüter Eigil Nielsen, der 1962 die Idee hatte, Fußbälle aus 32 Teilen zusammenzusetzen. 20 Sechsecke und 12 Fünfecke, so sähe der perfekte Ball aus, so hätte ein Ball die besten Flugeigenschaften. Damals eine kleine Revolution, die Jahrzehnte später sogar von höchst wissenschaftlicher Stelle bestätigt wurde. 1996 gewannen zwei amerikanische und ein englischer Chemiker den Nobelpreis, weil sie bewiesen, dass sich Kohlenstoffatome am perfektesten aus 32 Teilen zu einem ballförmigen Molekül zusammensetzen. Zum Molekül C60, das fortan als Fußball-Molekül bezeichnet wurde. "Eigentlich hätte Nielsen den Nobelpreis bekommen sollen", sagt Böhmer.

Er hält nun einen seiner Bundesligabälle in der Hand, an einer Stelle sind die Nähte offen, am Faden hängt noch die Nadel. Ein Vorführexemplar. Er zeigt die Blase aus Naturlatex, die nicht mit dem Obermaterial verklebt ist wie bei Bällen der Konkurrenz, sondern frei im Inneren herumhängt. Er zeigt die verschiedenen Beschichtungen und die winzigen Einbuchtungen, die sogenannten Dimples, die man auch auf Golfbällen findet. Sie sollen den Ball noch verlässlicher fliegen lassen.

Je länger man sich in Goch aufhält, desto klarer wird, dass über einen Ball genauso distinguiert geredet werden kann wie über Wein. Es geht da um einen "extrem weichen Ballkontakt" und "nachhaltige Rundheit". Böhmer nennt den Ball "ehrlich". Aber was bitte ist ein unehrlicher Ball?