Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Alles aus Liebe – Eine Reise ins Herz des Fußballs", in dem der Autor Alex Raack Geschichten von Menschen erzählt, die ihr Herz an diesen Sport verloren haben.

In der Abseitsfalle wird Pils gefrühstückt. Es ist kurz nach elf, an der Wand hängen Fotos, Trikots und Schals von Union Berlin, hinter dem Tresen zapft eine etwas übermüdet wirkende Thekenkraft und an den Tischen sitzen Männer mit einem interessanten Hobby. In dieser Fankneipe unweit der Alten Försterei findet Mitte Juni 2017 das Jubiläumstreffen der Stadionansichtskartensammlervereinigung statt. Seit 25 Jahren gibt es diese Vereinigung mit dem wunderbaren Namen schon. Das wollte ich mir anschauen. Jetzt erst mal ein schnelles Frühstück. Ein kleines Pils, bitte!

Warum bin ich hier? Weil zum Fan-Dasein erstens eine angenehme Portion Wahnsinn dazu gehört und zweitens die Überschneidung der Leidenschaften Fußball und Sammeln nicht selten ist. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. In meiner Wohnung steht eine (leere) Bierdose mit den Meisterspielern vom 1. FC Nürnberg anno 1967, ein Ferrari-Modell von der WM 1990, ich habe Geld ausgegeben für eine Karaffe, auf deren Verpackung das gezeichnete Porträt von Manni Kaltz Tipps für schmackhafte Alkoholbomben verkündet. Panini-Alben faszinieren noch immer Männer und Frauen verschiedenster Generationen, es gibt Fans, die mehr Kohle für ihre Trikotsammlung ausgegeben haben als für den Familienvan. Fußball- oder Sport-Fan zu sein bedeutet auch immer, Vergangenes zu bewahren, zu erhalten, zu konservieren. Wir erinnern uns an Brehmes krummes Freistoß-Tor im Halbfinale 1990 gegen England. Das Entscheidungsspiel zwischen Köln und Liverpool und die Münze im Matsch. Rickens Heber gegen Juve. Oder die Aufstiegsfeier von Eintracht Trier. Solche Erinnerungen sind nicht bloß Ausflüge in die Vergangenheit, sie sind das Fundament von Fan-Kulturen und Fan-Biografien. Und wo fühlt sich der Fußball-Fan zu Hause? Im Stadion. Die lässt es leider schwer sammeln. Aber man kann es ja versuchen.

Groundhopper nennen sich Menschen, die vorrangig deshalb Fußballspiele besuchen, weil sie das jeweilige Stadion sehen wollen. Manche führen Listen und haken selbst im hintersten Kirgisien Grounds ab, andere machen davon Fotos, alles Liebesbeweise für zugewucherte Betonklötze oder multifunktionale Arenen, die ohne Fans und Fußball genau das wären: Betonklötze und Arenen. Auf Fans, besonders Fußball-Liebhaber, üben sie eine besondere Anziehungskraft aus. Stadien sind wie der Sport selbst: im Kern gleich, im Detail verschieden. Und im Zeitalter von immer moderneren Anlagen, die schon längst nicht mehr Sportplätze mit Tribünen sind, sondern Event-Allzweckwaffen, sind die Betonklötze der Vergangenheit dem Untergang geweiht. Viele Stätten von Glanz und Gloria, Orte der Erinnerungen an große Spiele und große Momente, sind bereits abgerissen, wurden ausgetauscht, hat man zu Parkplätzen plattgewalzt. Andere wurden der Natur überlassen, zwischen Moos und Bäumen verblassen da Stehtraversen und mit ihnen zwangsläufig auch die Vergangenheit. Ob den Herren in der Abseitsfalle jene große Verantwortung bewusst ist, die sie da auf sich geladen haben?

Der Ober-Sammler hier ist Michael Förster. Ein gemütlicher Hesse mit ein wenig Bauch, beim Fußball ernährt man sich nun mal nicht unbedingt vorbildlich und wer sammelt, der verharrt eher in der Bewegung, als sich in Bewegung zu setzen. Michael ist älter, als er aussieht, und eigentlich wollte ich den Mann mit der Che-Guevara-Mütze und der Mathe-Lehrer-Brille schon eineinhalb Wochen vorher in seiner Heimat treffen. In Gelnhausen, mitten in Deutschland, hatte Michael – sein Verein: Kickers Offenbach – zu einer Sammlerbörse geladen. Die zweitgrößte des Landes soll es gewesen sein und ich Ochse könnte mich schwarzärgern, die Abreise Richtung Hessen aufgrund von zu viel Alkohol am Vorabend verpasst zu haben. Es gibt wenige Dinge, die mich glücklicher machen als ein zufällig auf dem Flohmarkt entdeckter Schlüsselanhänger von der WM 1982. Und in Gelnhausen hätte ich eine ganze Turnhalle von solchen Dingen vorfinden können. Aber so lerne ich Michael eben in Berlin kennen und er begrüßt mich hinter vier Schubladen voller Postkarten, die vor ihm auf dem Tisch in der Abseitsfalle auf interessierte Finger und Augen warten. Es sind viele Hundert, und es sind nur die Doppelten. Zuhause in Gelnhausen hütet Michael, der ja auch anderen Kram sammelt, kauft und verkauft, mehr als 15.000 Karten von Stadien aus der ganzen Welt.

Eine Stunde nach dem geplanten Beginn der Veranstaltung sind etwa 15 Sammler da, darunter tatsächlich auch zwei Damen, und als ich mich gerade darüber wundern und freuen möchte, dass auch Frauen dieser ausgefallenen Leidenschaft nachgehen, entpuppen sie sich als treue Begleiterinnen von hoffnungslos bekloppten Männern. Die ältere von beiden ist die bessere Hälfte eines Mannes, den wir hier einfach Hans nennen wollen. Hans und Anita kommen aus Salzgitter und sind heute Morgen nach dem Frühstück in ihr Auto gestiegen und mit Hans' Doppelten nach Köpenick gefahren. Als die beiden die Abseitsfalle betreten, werden sie mit großem Hallo empfangen, Anita umarmt jeden einzelnen Sammler und setzt sich dann in eine einsame Ecke, um mit Schnitzel, Pommes und Tageszeitungen die Zeit totzuschlagen. Sie könnte auch mit Hans durch die Gärten der Welt spazieren, einen Bummel durch Hannover machen oder am Steinhuder Meer die Füße ins Wasser halten, aber sie ist hier. Das muss Liebe sein. Hans hat nach fünf Minuten vergessen, dass Anita in der Ecke sitzt und an ihrem Alster nippt, er ist längst irgendwo zwischen Hampden Park und Estadio Nacional.

Ziemlich zentral hat ein Mann seine Karten auf den Tisch gestellt, den sie hier vermutlich am ehesten in die erste Reihe stellen würden, wenn es in eine Hauerei gegen die, sagen wir, Wimpelsammlervereinigung gehen müsste. Was natürlich nicht passiert. Aber Frank hat halt diese breiten Schultern und dicken Arme, die ihm einen leichten Bud-Spencer-Anstrich geben, das reicht für eine gewisse körperliche Autorität. Und tatsächlich erzählt Frank, kurz nachdem ich mich vorgestellt und als Werder-Fan geoutet habe, von einer der berühmtesten und traurigsten aller Fußball-Schlägereien. 1982 gingen beim Derby zwischen Hamburg und Werder die Lager beider Seiten so heftig aufeinander los, dass am Ende ein junger Mann im Gebüsch des Volksparks gefunden wurde, von einem Stein tödlich am Kopf getroffen. Es war Adrian Maleika, ein 18-jähriger Bremer, der eigentlich gar nicht so wild drauf gewesen sein soll, aber wie es so ist mit den kleinen und großen Katastrophen: Es trifft meistens die falschen. Frank kommt aus Delmenhorst, eigentlich Werder-Land, wurde aber HSV-Fan und stand nur wenige Meter von Maleika entfernt, als der tödlich getroffen zusammensackte. Irgendein Frank feindlich gesinnter Delmenhorster verbreitete das böse Gerücht, dass Frank Maleika umgebracht haben sollte, und für diese Falschmeldung kassierte Frank ordentlich Prügel. In seiner Stammkneipe schlugen ihn Werder-Hools in der Pissrinne zusammen. Noch ein Grund mehr für Frank, sein Herz an den großen Konkurrenten aus Hamburg zu verlieren. Das ist viele Jahre her und wie er da so sitzt an seinem Tisch, in drei Gespräche gleichzeitig verwickelt, ausgestattet mit diesem herrlichen Kneipen-Selbstbewusstsein jahrelang erprobter Kurvenkerle, kann man sich wirklich nicht vorstellen, wie irgendwer irgendwie eine Chance hätte, Frank in eine Pissrinne zu treten. Am Ende wird er mir ein paar Karten verkaufen, guter Preis, selbst für einen Werder-Fan.