Von wegen die deutsche Leichtathletik hat keine Stars! Am Mittwoch sah man im Berliner Olympiastadion, wo zurzeit die Europameisterschaft stattfindet, ein Gesicht, das alle Sportfans in Deutschland kennen. Heike Drechsler, zweifache Olympiasiegerin, zweifache Welt- und vierfache Europameisterin im Weitsprung, arbeitet als Kampfrichterin und Einebnerin direkt an der Grube.

Sie möchte der Leichtathletik etwas zurückgeben, mit Promotion in eigener Sache habe dies nichts zu tun, sagt sie. Der Sieger der Männer, der Grieche Miltiádis Tentóglou, umarmte sie nach seinem letzten Sprung. Auch am Samstagabend wird sie wohl wieder im Finale der Frauen mit einem Rechen den Sand glatt harken.

In den Neunzigerjahren war Drechsler eine Prominente in Deutschland, sie erhielt sogar den Bambi. Doch erinnert sie auch an die schwer belastete deutsche Sportgeschichte. Als Sportlerin der DDR war sie in das Staatsdoping eingebunden. Der Umgang mit Drechsler zeigt erneut die Heuchelei der nationalen Leichtathletik-Funktionäre.

Heike Drechsler 1987 in Rom, noch im Trikot der DDR © Tony Duffy/Allsport/Getty Images

Null Toleranz gegenüber Doping, diese Floskel kennt man von deutschen Spitzensportfunktionären, auch Kritik am Dopingsumpf in Russland, das bei dieser EM gesperrt ist. Die mag berechtigt sein, doch kann sie keineswegs das Versagen des Deutschen Leichtathletikverbandes bei der Aufarbeitung der Vergangenheit kaschieren.

Diese Vergangenheit wirkt sogar bis in die Gegenwart. Drechslers Rekord von 7,48 Meter ist bis heute nicht aus den Listen gestrichen, obwohl er für ihre Nachfolgerinnen praktisch unerreichbar ist. Und obwohl es sich, wie Gerichte bewiesen, um die Frucht einer kriminellen Tat handelt, der "vorsätzlichen Körperverletzung" an ihr als jugendlichem Mädchen und "Schutzbefohlener".

Drechsler verlor einen Prozess

Aufgestellt hat Frau Drechsler diesen Rekord zu DDR-Zeiten 1988 in Neubrandenburg. Drechsler war damals Mitglied im Leistungssportklub SC Motor Jena. Sie ist dort schon als Minderjährige mit 705 Milligramm des virilisierenden Sexualsteroids Oral Turinabol verzeichnet, handschriftlich vom Sportmediziner Hartmut Riedel, der sich damit offiziell habilitierte.

Dies konnte der Heidelberger Antidopingexperte Werner Franke mit seiner Frau Brigitte Berendonk durch die Auswertung einst geheimer DDR-Doping-Forschungsarbeiten und offizieller Dissertationen nach dem Mauerfall in einem viel beachteten Buch schon 1991 belegen. "Frau Drechsler war in der DDR schon als Jugendliche durch das Hormondoping virilisiert", sagt der weltweit renommierte Zellbiologe, "damit hatte sie sich als Athletin lebenslang bleibende Vorteile erworben." Heike Drechsler, die nach ihrem Olympiasieg 1992 Berendonk der Lüge bezichtigt hatte, verlor 1995 den Gerichtsprozess gegen sie.

Bereits mit 18 holte die im thüringischen Gera geborene Drechsler, damals noch unter ihrem Mädchennamen Daute, ihren ersten Weltmeistertitel 1983 im Weitsprung in Helsinki. Zehn Jahre danach gelang ihr dies bei der WM in Stuttgart noch mal. 1988, als letztmals zwei getrennte deutsche Mannschaften bei Olympischen Spielen an den Start gingen, gewann das Multitalent Drechsler Silber im Weitsprung und jeweils Bronze über 100 und 200 Meter.