Was waren die Höhepunkte?

Die Leichtathletik hat die seltsame Angewohnheit, mit dem Wichtigsten zu beginnen. Am ersten Tag, an dem es bei der EM in Berlin Medaillen gab, wurden die schnellsten Männer und Frauen gekürt. Der Sprint ist die einfachste und für die meisten Fans attraktivste Disziplin.

Über 100 Meter siegte jeweils Großbritannien. Dina Asher-Smith aus London lief mit beachtlichen 10,85 Sekunden zu Gold. Silber errannte sich Gina Lückenkemper. Sie blieb, wie schon im Halbfinale, ebenfalls unter 11 Sekunden (10,98). Dieser Wettbewerb war auch das emotionale Highlight des Abends. Rund 50.000 Zuschauer im Olympiastadion feierten Deutschlands Darling aus dem kosmopolitischen Hamm, Gina weinte vor Freude.

Bei den Männern war Zharnel Hughes, der in der ehemaligen britischen Kolonie Anguilla in der Karibik zur Welt kam, mit 9,95 eine Hundertstelsekunde schneller als sein britischer Landsmann Reece Prescod. Mit Bronze schmückte sich der Türke Jak Ali Harvey, der in Jamaika geboren wurde.

Im Kugelstoßen hieß der Europameister drei Mal zuvor David Storl, der "Shotputdevil", wie er sich auf seinen digitalen Kanälen nennt. Diesmal katapultierte der Sachse das vierzehneinhalb Pfund schwere Gerät auf 21,41 Meter und holte Bronze. Die Polen Michal Haratyk (21,72) und Konrad Bukowiecki (21,66) waren besser. "Ich freue mich riesig", sagte Storl dennoch, "das Niveau war sehr hoch."

Über 10.000 Meter, die längste Distanz, die im Stadion gelaufen wird, siegte Morhad Amdouni von der Insel Korsika. Die deutsche Hoffnung Richard Ringer musste in der Berliner Hitze aufgeben.

Was waren die Tiefpunkte?

Christoph Harting schied in der Qualifikation aus, weil er den Diskus bei jedem seiner drei Versuche ins Fangnetz schleuderte. Die Fans haben allerdings wenig Mitleid mit dem Olympiasieger, viele fremdeln mit dem 28-Jährigen, der vor der EM sagte: "Rational betrachtet bedeutet mir eine EM gar nichts. Für mich zählen nur Olympische Spiele." Mehr Sympathien genießt sein Bruder Robert, mit dem er angeblich kein Wort mehr wechselt. Der dreimalige Weltmeister und Olympiasieger, der inzwischen nicht mehr zu den Favoriten zählt, schaffte die Qualifikation für den Endkampf an diesem Mittwoch, wenn auch nicht überzeugend. Da aber der polnische Titelverteidiger Piotr Malachowski wie Christoph Harting dreimal ins Fangnetz warf, ist Roberts Chance auf eine Medaille vielleicht gar nicht mehr so gering.

Was war sonst noch wichtig in Berlin?

Die Hammerin Lückenkemper wirkte, typisch Sprinterin, aufgedreht und zappelig. "Es war einfach ein geiles Rennen, ich bin saugeil drauf, es ist einfach mega, dass ich das auf die Bahn bringen kann", sagte sie nach dem Halbfinale. Lückenkemper leckt vor ihren Rennen an Batterien (9 Volt), gemäß einer sicher megamäßigen Methode der Neuroathletik. Jeder, wie er's braucht.

Auch Storl wurde dem Ruf seiner Zunft gerecht. Er zeigte in diesen Tagen seine sensible Seite. Die Werfer erfüllen nämlich fast alle das Klischee von der harten Schale und dem weichen Kern. "Es muss kein Athlet im Wettkampf stehen, der sich eine Sehne taub spritzen lässt", sagte er aufgewühlt, "nur damit er einen Wettkampf bestreiten kann." Das war eine giftige Anspielung auf Robert Harting, dessen Knie nicht mehr so mitmacht, wie es soll. Und der bei dieser EM im Mittelpunkt steht, obgleich er im Vergleich zu einigen anderen deutschen Athletinnen und Athleten eher ein Außenseiter ist.

Die Berliner Stadionregie spielte nach den Wettkämpfen den Après-Ski-Hit Oh, wie ist das schön!, und zwar in der Version des Ballermannbarden Mickie Krause. Künftig wollen wir von den Akademikern unter den Leichtathletikfreunden also nichts mehr über die angeblich banausenhaften Fußballfans hören – da ist ja Frank Zander gehaltvoller.

Was ist mit den anderen Sportarten?

Die EM in Berlin wird von den European Championships eingerahmt, einer Art Mini-Olympia mit Rudern, Schwimmen, Kunstturnen, Triathlon, Radsport und Golf. Diese Disziplinen werden in Glasgow und Edinburgh ausgetragen, die Zeitpläne sind, wie im Wintersport, aufeinander abgestimmt, damit das Fernsehen alles ohne große Pausen und Überschneidungen übertragen kann.

Im Bahnradfahren siegte der Thüringer Stefan Bötticher. Er war der Rasanteste im Keirin, was aus dem Japanischen übersetzt so viel wie "Kampfrennen" bedeutet. Ein Tempomacher steigt in dieser Disziplin nach der Hälfte des Rennens aus. Im Schwimmen erkraulte Sarah Köhler aus Frankfurt am Main zuerst Silber über 1.500 Meter Freistil. Keine zwei Stunden später vollbrachte sie das Kunststück und hing noch vier Bahnen dran und holte mit der deutschen 200-Meter-Staffel Bronze. Ihr Freund Florian Wellbrock hatte am Wochenende über 1.500 Meter Freistil Gold gewonnen. Das habe sie angespornt, sagte Köhler. Im Wasserspringen griffen Maria Kurjo und Elena Wassen, die für den in Prenzlauer Berg beheimateten Berliner TSC starten, hinter den Ukrainerinnen und Russinnen erfolgreich nach Bronze.

Was steht an diesem Mittwoch an?

Der zweite Teil des Zehnkampfs. Zur Halbzeit liegt der Schwabe Arthur Abele hinter dem Briten Tim Duckworth auf Rang 2. Kévin Mayer, der Favorit aus Frankreich, machte den Harting und fabrizierte drei ungültige Versuche im Weitsprung, er hat keine Chance mehr.