Was war der Höhepunkt des Abends?

Der Speerwurf, die Disziplin mit der ältesten Jagdwaffe der Menschheit. Eine Sportart, die Physikkenntnisse, Muskelmasse und Geschick erfordert. Man könnte sagen, es ist was für kraftstrotzende deutsche Tüftler. Und davon gibt es derzeit drei richtig Gute. Thomas Röhler, Johannes Vetter und Andreas Hofmann warfen in diesem Jahr weltweit die drei besten Weiten, alle über 90 Meter. Vetter ist amtierender Weltmeister, Röhler Olympiasieger und Hofmann schlug beide vor Kurzem und wurde Deutscher Meister.

Vetter ist der Brachiale, Röhler der Filigrane und Hofmann der Hühne. Alle drei verfolgen verschiedene Stilarten. Und bei der EM in Berlin setzte sich die von Röhler durch. Seine 89,47 Meter waren der weiteste Wurf des Abends. Hoffmann wurde mit 87,60 Metern Zweiter. Vetter schmiss sich umsonst auf die blaue Berliner Tartanbahn. Er wurde Fünfter. Röhler gönnte sich anschließend ein Bad im Wassergraben des Hindernislaufs, aus hygienischer Sicht eher nicht zu empfehlen, aus Siegersicht aber egal.

Der Speerwurf ist die momentan beste deutsche Leichtathletikdisziplin, ein Sieg geht nur über einen der Dreien. Und ein nächstes Ziel haben sie auch schon: Den Speer auf 100 Meter oder mehr zu prügeln. Hofmann warf im Training ein leichteres Modell schon so weit, der blieb im Zaun stecken. Röhler sagte nach seinem Sieg: "Wir haben bewiesen, was deutsche Präzision bedeutet." Eine Warnung an alle Stadionzäune dieser Welt.

Gab es weitere deutsche Medaillen?

Silber und Bronze über 110 Meter Hürden. Pamela Dutkiewicz war hinter der Belarussin Elwira Herman die zweitschnellste Hürdensprinterin, Cindy Roleder wurde Dritte. Dutkiewicz hatte lange geführt, wurde aber vor der letzten Hürde von Herman übersprintet. Ricarda Lobe wurde Fünfte.

Wie gefällt es den Sportlerinnen und Sportlern?

Offenbar sehr gut. Auch wenn das Public Viewing am Breitscheidplatz, das an manchen Tagen schon mehr als 30.000 Zuschauer anlockte, wegen des aufziehenden Gewitters geschlossen wurde, ist die Stimmung in Berlin hervorragend. Der Hochspringer Mateusz Przybylko sagte nach seiner fehlerfreien Finalqualifikation, er wisse nun gar nicht, was er an seinem freien Freitag anfangen soll, weil er so Bock hat auf sein Finale am Samstag im Stadion: "Dann geht bestimmt noch mehr." Berlin ist eben Sportmetropole. Der Speerwerfer Hofmann sagte, es sei das schönste Stadion Deutschlands, wenn nicht sogar Europas. Also dann, wenn die Hertha gerade nicht vor leeren Oberrängen spielt, meinte er wohl. 

Was war sonst noch los?

Die 200 Meter der Männer zum Beispiel. Eigentlich ja eine Disziplin, bei der die Europäer zwar einen Sieger küren, der aber gegen die Jamaikaner und US-Amerikaner kaum Chancen bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen hat. Anders verhält es sich mit Rami Guliyev, ein aus Aserbaidschan eingebürgerter Türke. Er besiegte 2017 in London die Weltelite, wurde Weltmeister und sprintete auch in Berlin locker zum Titel. Gejubelt wird bei ihm mit beiden Flaggen. Ob auch Recep Tayyip Erdoğan wie 2017 wieder anrief? Noch glücklicher war aber der Dritte: Alex Wilson, ein Schweizer. Mit 15 kam er aus Jamaika in die Alpen, mit 27 wurde er vor einem Jahr bekannt – weil er erfrischende Interviews gibt. Wie damals in London, als er die Finals zwar verpasste, aber die wohl beste Begründung lieferte: "Gopferdeggel, ich war mega, mega, mega nervös." Auch von ihm: "Wenn ich auf der Bahn stehe, bin ich Gott." Können wir erst mal nicht widerlegen.

Was passierte in Glasgow bei den European Championships?

Es war der letzte Tag der Schwimmerinnen und Schwimmer. Christian Diener, Fabian Schwingenschlögl, Marius Kusch und Damian Wierling holten wegen eines sensationellen Schlussprints Bronze in der Lagenstaffel über 4 x 100 Meter. Ein Platz, um den sie einige deutsche Kolleginnen und Kollegen beneiden. Denn es war auch ein Tag, nach dem sich einige deutsche Sportler noch Gedanken über Sekundenbruchteile machen werden. Laura Lindemann kam im Triathlon auf Rang vier, trotz Sturz. Lisa Graf wurde über 200 Meter Rücken Vierte. Aliena Schmidtke ist nun Vierte über 50 Meter Schmetterling, Johannes Hintze Vierter über 400 Meter Lagen. Glasgow hat einige gute Pubs, um noch mal tief im Pint nachzusehen, wo die Hundertstel geblieben sind.

Besser lief es im kalten Loch Lomond (17 Grad Wassertemperatur, Nordsee für Harte) für Rob Muffels, kaltwassergeschulter 23-Jähriger aus Elmshorn. Er holte Bronze im Freiwasserschwimmen. Die ersten sieben schlugen innerhalb von neun Sekunden an, und das nach zehn Kilometern und fast zwei Stunden im Wasser. So kann man sich die schottische See auch hitzig machen.