Das erste Mal wirklich gefordert wird die Deutsche Meisterin von einem winzigen Backsteinhäuschen mit einem Blumentopf auf dem Flachdach. Anne Dippel holt dreimal tief Luft, bevor sie die Augen zusammenkneift und ausholt. Ihr Schlag gleitet die Auffahrt hinauf, durch den schmalen Eingang, nach einer Rechtskurve spuckt das Haus den Ball wieder aus, wo er zur gegenüberliegenden Bande hoppelt, abprallt und im Loch verschwindet. Hole-in-one oder Ass, wie es beim Minigolf heißt.

Anne Dippel ist die Titelverteidigerin, die amtierende Deutsche Meisterin im Minigolf. Wer den Sport der 33-Jährigen nun belächeln mag, dem seien folgende Zahlen ans Herz gelegt: Mehr als 2.000 Minigolfanlagen gibt es in Deutschland, auf ihnen werden jährlich 20 Millionen Tickets gelöst. Minigolf ist Volkssport.

Trotzdem tut sich die Sportart schwer, über den Status als gemütliche Freizeitaktivität hinauszukommen. Minigolf ist für die meisten ein Familienausflug an einem warmen Sommertag – und kein echter Sport. Doch wer bei der Deutschen Meisterschaft in Bottrop genau hinguckt, sieht auf den kleinen Betonbahnen großen Sport mit vielen Facetten. Und ein gewaltiges Problem.

Mentale Ausdauer wie beim Schach

Vor knapp 15 Jahren begann Anne Dippel in einer Berliner Hobbyliga zu spielen. Aus dem Hobby wurde ein ergebnisorientierter Sport. Wenn Dippel von ihrer Sportart erzählt, seien die Leute erst erstaunt, manchmal ein wenig herablassend, doch im Gespräch klärt sie gerne auf. "Für mich ist das Leistungssport, dementsprechend will ich hier meine Leistung bringen", sagt sie.

Was aber macht einen erfolgreichen Minigolfer aus? "Man braucht vor allem viel Konzentration und sollte nicht so schnell frustriert werden", sagt Dippel. Geduld solle man ebenfalls mitbringen, sagt André Appelmann, der Öffentlichkeitsbeauftragte der Meisterschaft und selbst Teilnehmer bei den Herren. Bis zu drei Stunden vergehen zwischen den Runden, die Teilnehmer sind von morgens bis abends auf der Anlage. Appelmann vergleicht einen Schlag mit einem Dartwurf, bei dem ein einstudierter, routinierter Bewegungsablauf abgerufen wird. Gleichzeitig brauchen die Minigolfer, wie beim Schach, mentale Ausdauer. Minigolf ist ein Präzisions- und Geduldssport.

Seit dem Beginn der ersten Runde kurz nach acht Uhr gleicht die Anlage im Bottroper Stadtgarten einem Wimmelbild. Immer wieder halten neugierige Fahrradfahrer an und beobachten die 114 umherwuselnden Teilnehmer. Ihre Schläge schlängeln sich zwischen Steinen hindurch, kullern durch schmale Gassen und klackern gegen die Bahnenbegrenzung. Manche Bälle scheinen den Gesetzen der Physik zu trotzen, dabei bedienen sich die Spieler geschickt ebenjenen. Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel, wer in der fünften Klasse aufgepasst hat, ist beim Minigolf im Vorteil. Bei Dippels erstem Schlag des Tages prallt der Ball fünfmal von Bande zu Bande, ehe er als Ass im Loch landet. Minigolf, das ist auch Denksport.

18 Bahnen, die Besten brauchen nur ebenso viele Schläge

Angetrieben werden die Minigolfer von ihrem Streben nach Perfektion. Ziel ist immer das Ass und demnach eine Runde, auf der für die 18 Bahnen ebenso viele Schläge benötigt werden. "Im Leistungssport ist Minigolf deshalb manchmal frustrierend", sagt Appelmann. Besonders auf Betonbahnen, wie sie in Bottrop stehen, ist ein Ass nicht immer machbar. Zu lang sind die Bahnen, zu unberechenbar manche Hindernisse. Anders sieht das auf Eternitbahnen aus, wo ebenfalls eine nationale Meisterschaft ausgespielt wird. Dort ist ein Ass meist der Durchschnitt, auf Beton hingegen absolvieren die Topspieler Runden unter 30 Schlägen. Damit die Perfektion nicht schon an Dreck und Blättern scheitert, fegen die Spieler vor dem Schlag mit einem Wischmop über die Bahn. Minigolf, das ist auch ein Wischsport.

Zeitgleich zu den Damen und Herren spielen in Bottrop auch die Senioren und Seniorinnen ihren Meister aus. Ab 45 Jahren fällt man im Minigolf bereits in die Kategorie Senioren I, die Senioren II sind 58 und älter. Die frühe Abstufung soll altersbedingte Unterschiede in der so wichtigen Konzentrationsfähigkeit ausgleichen. 

Selbst bei den Senioren II zählt Egon Schacke noch zu den Erfahrenen. Schacke trägt ein weißes Polohemd mit dem Emblem seines Vereins, dem MSV Berliner Bär. Seine beige Schirmmütze ziert die Silhouette eines ausholenden Golfers. Der 77-Jährige ist selbst ein Stück Minigolfgeschichte. Aus der DDR floh Schacke 1960 nach Westdeutschland, arbeitete als Destillateur und sah erstmals in seinem Leben eine Minigolfbahn. In Bottrop verliebte er sich in die Sportart und seine zukünftige Frau, die inzwischen bei den Seniorinnen II an den Start geht. Seine große Liebe heiratete er unweit seiner großen Leidenschaft, im Gasthaus Overbeckshof, das schräg gegenüber der Bottroper Minigolfanlage liegt.