Zwei reumütige Verlierer saßen da auf dem Podium. Joachim Löw und Oliver Bierhoff räumten das "Debakel" ein, das das Vorrundenaus in Russland für den deutschen Fußball bedeutet. Und irgendwann sagte Löw den schönen Satz: "Ich verspüre Selbstreflexion."

Es war eine ungewohnte Rolle für die beiden, die sie vor rund einhundert Journalisten im Pressebereich der Münchner Arena einnahmen. Vor allem Joachim Löw schien nervös und gab sich fast schon übertrieben demütig. Von "Arroganz" und "Selbstgefälligkeit" war in seinen langen Ausführungen und Antworten mehrfach die Rede. Urteile, die in einem solchen Amt eigentlich einen Rücktritt nahelegen. Auch Bierhoff präsentierte sich selbstkritisch, dennoch wie immer selbstbewusst und eloquenzmäßig in üblicher Form. Weil die Zeiten Bodenständigkeit verlangen, versuchte er, Buzzwords der Sportmanagerrhetorik ("Stakeholder") zu vermeiden. Was ihm fast immer gelang. Die fünf wichtigsten Themen der zweistündigen Pressekonferenz:

1. Taktik

Löw präsentierte PowerPoint-Folien mit Daten, die eine "tiefgründige Analyse" ergeben habe. Die enthielten manch interessante Zahl, etwa dass die Ballkontaktzeit deutscher Spieler bei der WM 2018 im Vergleich mit der vier Jahre zuvor von 1,19 auf 1,51 Sekunden gestiegen sei – ein mögliches Indiz für die Behäbigkeit der deutschen Elf. Aber auch manch Banalität trug Löw vor, etwa Torschussquoten. Nicht dass er noch die Niederlage gegen die Südkoreaner damit erklärt hätte, dass die zwei Tore mehr gemacht hätten. Es kann ja sein, dass Löw Entscheidendes nur intern behandeln will. Insgesamt war seine Analyse ein bisschen dünn. Seinen inzwischen bezweifelten Ruf als Fußballfachmann hat er mit seinem Referat jedenfalls nicht gestärkt.

Bemerkenswert war seine Schlussfolgerung. Er habe zu viel auf Ballbesitz gesetzt und diesen Stil zu dominant durchsetzen wollen. Das sei "sein größter Fehler" gewesen. Löw ist ein Verfechter des Spiels mit dem Ball, daher klang das wie ein Zugeständnis an den riesigen deutschen Fußballstammtisch. Dessen simple Lehre: Wenn es schiefgeht, dann, weil zu wenig Blut und Schweiß geflossen sind. Auf die Idee, dass Löw und seine Elf ihren Stil in Russland nicht gut dargeboten haben, hätte man auch kommen können. Die Frage ist nun, wie ernst Löw das gemeint hat und wie konsequent er Veränderungen umsetzen wird. Wird er künftig einen Abwehrspieler mehr aufstellen?

2. Einstellung

Enthusiasmus, Freude, Begeisterung und Leidenschaft habe der Elf in Russland gefehlt, bemängelte Löw. Er widerstand, wie Bierhoff, aber der Versuchung, den Spielern die Hauptschuld zu geben. "Es wäre meine Aufgabe gewesen", sagte der Trainer, "das alles zu vermitteln." Bierhoff gab zu, seine Führungsaufgaben "schleifen gelassen" zu haben. Er müsse künftig "näher an die Spieler ran" und Identität von ihnen einfordern. Von einem neuen Verhaltenskodex war die Rede.

Das ist ein guter Anfang, doch die Ausführungen der beiden blieben auch hier an der Oberfläche. Ihre Mannschaft, die gegen deutlich schwächer besetzte ausschied, ist keine funktionierende Gruppe: In Russland war auf dem Platz zu sehen, dass es zu viel Ich und zu wenig Wir gibt. Führungsspieler wie Toni Kroos, Mats Hummels und Manuel Neuer haben sich in Medien kritisch bis herablassend über Mitspieler geäußert oder tun es weiterhin.