3. Personelles

Die nun verkündete neue Mannschaft ist nahezu die alte. Es gibt ein paar junge Spieler wie Kai Havertz und Thilo Kehrer, die dazustoßen, aber wohl auch nominiert worden wären, hätte Deutschland in Russland seinen Titel verteidigt. Sami Khedira ist einer der wenigen aus dem WM-Kader, die Löw nicht für die anstehenden Testspiele gegen Frankreich und Holland berücksichtigt. Eine richtige Entscheidung, Khedira war in Russland unter Schlechten der Schlechtere. Beim nächsten Turnier wäre er zudem 33 Jahre alt. Nicht viel Neues auch im Funktionsteam. Thomas Schneider ist nicht mehr Co-Trainer, Urs Siegenthaler nicht mehr Chefscout. Beide bekommen aber andere Posten. Und aus dem riesigen WM-Stab sind elf Mitarbeiter nicht mehr für das nächste Turnier eingeplant.

Mutig und visionär ist das alles nicht. Aber Aktionismus wäre auch kein guter Ratgeber. Schneider und Siegenthaler rauszuwerfen, die ja immerhin laufende Verträge haben, wäre stillos gewesen. Die entscheidende Personalie ist Löw selbst. Läuft es schlecht in den kommenden Spielen, wird er infrage gestellt werden. Sein Weltmeisterbonus ist aufgebraucht. Gute Fußballer gibt es in Deutschland genug, um zumindest zur erweiterten Weltspitze zu gehören. Will Löw wieder erfolgreich sein, muss er sie zu einer Mannschaft mit Plan, Struktur und Hierarchie formen. Er sollte jetzt damit anfangen, und nicht, wie zuletzt, erst kurz vor dem Turnier.

4. Mesut Özil

Löw sagte ein paar Sätze zu Mesut Özil, der nach der WM zurückgetreten war und Teilen der deutschen Öffentlichkeit ("Ziegenficker") sowie dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel Rassismus vorgeworfen hatte. Löw drückte aber vor allem seine Enttäuschung darüber aus, dass Özil ihn nicht persönlich über seinen Rücktritt informiert habe und auch anschließend nicht ans Telefon gegangen sei. Was, wenn es stimmt, in der Tat feige wäre. Es belegt aber auch, dass der Trainer den Zugang zu seinem Spieler verloren hat. Nebenbei erwähnte übrigens İlkay Gündoğan in diesen Tagen in einem Interview, dass Löw ihn nicht angerufen habe.

Löw und Bierhoff wiederholten den Fehler, den auch schon Toni Kroos, Manuel Neuer und Thomas Müller begangen hatten: Sie bestritten Rassismus in der Nationalmannschaft. Dass er den dort erlebt habe, hat Özil aber gar nicht behauptet. Diese implizite Verfälschung der Aussagen Özils ist ein Ärgernis. Offenbar muss man sich von der Hoffnung verabschieden, dass jemand aus dem Fußball diesem komplexen Thema emotional und intellektuell gewappnet sein könnte. Immerhin Bierhoff hielt ein Plädoyer für Özil, mit dem er "schöne und erfolgreiche neun Jahre" in der Nationalmannschaft verbracht habe. Und Löw lobte auf Nachfrage den Spieler als einen der besten Deutschen der "letzten 20, 30 Jahre".

5. Kommerzialisierung

Der "Business-Oli" steht immer im Verdacht, den Fußball an die Konzerne, TV-Anstalten und Agenturen zu verkaufen. Bei dieser Polemik ist stets Populismus im Spiel. Für viele Dinge, die Bierhoff angekreidet werden, ist er gar nicht zuständig, etwa die Anstoßzeiten oder die Verträge mit Sponsoren. Und die Kommerzialisierung im Fußball hat Bierhoff nicht erfunden, Geld muss irgendwie verdient werden. Außerdem schätzen die Spieler ihn und die meisten seiner Methoden und Maßnahmen. Letztlich hängt der Erfolg der Nationalmannschaft nicht an einem Werbeslogan. Dennoch wünschen sich viele Fußballfans, dass die Nationalmannschaft zugänglicher ist und eine WM mehr als ein Marketingevent. Diese Botschaft ist bei Bierhoff, der sich in letzter Zeit mit vielen Leuten ausgetauscht hat, offenbar zumindest teilweise angekommen. Der Vorwurf der Entfremdung habe ihn "getroffen", räumte er ein. Nun will er ein paar öffentliche Trainingseinheiten mehr abhalten lassen und lobte, dass die Mannschaft im Trainingslager in Südtirol einmal mit dem Rad zum Training gefahren sei. Nach der Pressekonferenz stellte er sich den Fragen der Bild-Leser. Es hatte etwas Schräges, mitunter Rührendes, wie sich Bierhoff um Fannähe bemühte.

Fazit

Es blieb offen, ob die Führung der Nationalmannschaft wirklich begriffen hat, wie und warum die Titelverteidigung auf solch deprimierende Art scheiterte. Und ob der Trainer weiß, wie die deutsche Nationalmannschaft wieder mehr Tore schießen wird und künftig wieder ein Halbfinale anpeilen kann. Jedenfalls schienen es Löw und Bierhoff ehrlich zu meinen mit ihrem Bußgang von München. Er war keineswegs nur gespielt. Der gute Wille zählt, und der war da.