Aaron Donald hat Kondition. Nicht nur auf dem Feld, wo er seine 129 Kilo verteilt auf 183 Zentimeter stets flink und hart in die Körper seiner Gegner schleudert. Sondern auch am Verhandlungstisch. Das zweite Mal in Folge streikt er unmittelbar vor dem Saisonstart: Er geht einfach nicht mehr zum Training seiner Los Angeles Rams. Der Superstar will einen neuen Vertrag aushandeln, er will der bestbezahlte Verteidiger der NFL werden. 

Was in Deutschland als schwänzen bekannt ist, nennen sie in den USA etwas förmlicher Holdout. Seit Jahren streiken US-Profis für Gehaltserhöhungen, obwohl ihre Verträge noch gültig sind. In diesem Jahr sind es vor allem die drei Topspieler Aaron Donald von den Rams, Earl Thomas, der Safety der Seattle Seahawks, und Khalil Mack, der Linebacker aus Oakland.

Gerade Seattles Thomas tut sich hervor. In einem viel beachteten Beitrag im Magazin The Players Tribune bettelt der Defensivspieler förmlich um einen neuen Vertrag – oder um einen Transfer zu einem Team, das ihm langfristig mehr zahlen will. Thomas schreibt: "Ich muss an meine Zukunft denken. Ich will abgesichert sein."

Nun ist es allerdings nicht so, dass NFL-Profis Hunger leiden. Thomas, 29 Jahre alt, hat in seiner Karriere bisher mehr als 45 Millionen Dollar verdient, Donald 18 Millionen und Mack etwa 13. Streiken überhaupt die Richtigen?

Durchschnittliche Karrieredauer: Nicht einmal drei Jahre

Dass sogar manche Fans der Seahawks das Begehren ihres Spielers verstehen, liegt an der Story seines Teamkollegen Kam Chancellor. Der wird auch Enforcer, Vollstrecker, genannt, weil er einer der härtesten Spieler der Liga war – die Betonung liegt auf war. Chancellor wird wohl nie wieder spielen. "Ein komisches Gefühl im Nacken", so beschrieb er vor wenigen Monaten seinen Zustand in einem Interview. Ärzte haben ihm nun zum Karriereende geraten, mit gerade einmal 30 Jahren. "Selber zu entscheiden, wann man aufhören will, ist die eine Sache. Aufhören zu müssen, weil es das Risiko einer dauerhaften Lähmung gibt, ist das andere", sagte er. Erlitten hat Chancellor die Verletzung in einer normalen Spielsituation.

Football ist ein gefährliches Spiel. Das spürten die Aktiven im vergangen Jahr mehr denn je. Ryan Shazier, ein starker Linebacker der Pittsburgh Steelers, erlitt in der Vorsaison eine so gravierende Wirbelsäulenverletzung, dass er nach monatelanger Reha im August erstmals wieder ohne Krücken gehen konnte. Auch seine Karriere ist in Gefahr, die Zeichen stehen schlecht. Shazier ist 25, noch im jungen Football-Alter. Nur seiner Draftposition hat er es zu verdanken, dass er bereits 10 Millionen Dollar verdient hat. Sein Rookie-Vertrag endete erst in diesem Sommer. Die Steelers wandelten dessen 2018er-Gehalt in einen Signing-Bonus um, damit er trotz der Verletzung schnell an sein Geld kommt.

Dass vor allem prominente Verteidiger streiken, ist es nicht. Ihr Spiel besteht fast zu 100 Prozent aus Körperkontakt. Sie müssen Spielzüge zerstören, in Muskelmassen hineinstürzen, meist mit dem Kopf voran. Auch wird von ihnen mehr Beweglichkeit erfordert, Knie- und Fußverletzungen kommen aufgrund der vielen schnellen Drehungen häufig vor. Im Durchschnitt beträgt die Karrieredauer eines NFL-Spielers keine drei Jahre. Jedes Jahr kämpfen jeweils 90 Spieler um 53 Kaderplätze in den 32 Teams. Viele andere Profiligen, in denen die unterkommen können, die scheitern, gibt es nicht.

Das große Problem der Sportler, das bemängeln Spielersprecher seit Jahren, sind die Verträge ohne Garantie. Diese laufen zwar über Jahre, bieten den Aktiven aber dennoch kaum Sicherheit. Wer sich ernsthaft verletzt oder schlecht spielt, muss vorzeitig gehen. Manchmal mit einem Teil des noch ausstehenden Gehalts, oft aber kommen die Teams auch davon, ohne dead money zahlen zu müssen: Das sind die Summen, die Spieler bekommen, die gar nicht mehr zum Team gehören und bereits woanders spielen. "Egal, was du erreicht hast, die Teams erinnern dich stets daran, dass du egal bist", schreibt Thomas.