Wenn Jeffrey Kessler sich in Rage redet, hebt er seine Stimme. Kessler ist Anwalt für Sport- und Kartellrecht, einer der besten der Welt. Erzählt er von dem vielleicht bedeutendsten Fall seiner Karriere, überschlägt sich seine Stimme. Vor Ärger über die Ungerechtigkeit. Und vor Vorfreude, daran etwas ändern zu können. Jeffrey Kessler ist der Mann, der gerade eine der größten Sportorganisationen Amerikas in Aufruhr versetzt.

Um zu verstehen, worum es in seinem Rechtsstreit mit der National Collegiate Athletic Association (NCAA) geht, muss man sich zunächst der Dimension des amerikanischen Collegesports bewusst werden. Leistungssport und Studium sind in Deutschland eher zwei Pole, die sich abstoßen. In den USA hingegen ist das College eine Zwischenstation auf dem Weg zum Profitum und Collegesport bei den Fans äußerst beliebt. Das Basketballfinale der Männer verfolgten in diesem Jahr durchschnittlich 16,5 Millionen Fernsehzuschauer. Im vergangenen Jahr verzeichnete die NCAA erstmals einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar.

Doch derzeit dürfen Athleten von ihren Universitäten nicht für sportliche Leistungen entlohnt werden, so steht es in den Regularien der NCAA. Die Sportler erhalten lediglich Stipendien, die helfen, die hohen Studiengebühren zu stemmen. Kessler aber möchte, dass die Athleten auch Geld bekommen könnten – und könnte so die amerikanische Sportlandschaft reformieren. 

"Es gibt da diese Eigenart, Athleten wie Vieh zu behandeln"

Kessler steht nicht zum ersten Mal einem einflussreichen Verband vor Gericht gegenüber. Er vertrat bereits die Spielergewerkschaft der National Basketball Association (NBA) und stand an der Seite des Footballstars Tom Brady, als der Einspruch gegen eine Sperre der National Football League (NFL) einreichte. Vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas setzte Kessler durch, dass der beinamputierte Sprinter Oscar Pistorius bei den Olympischen Spielen 2008 hätte teilnehmen dürfen (Pistorius verpasste jedoch die Qualifikation). Mit seinen Fällen sorgt Kessler regelmäßig für kleine Revolutionen.

Gegen die NCAA verkörpert der 64-Jährige einmal mehr den David der Athleten, der es mit den Goliaths der Sportverbände aufnimmt. Dass die Kläger dem Prozess optimistisch entgegenblicken, liegt vor allem an seiner Beteiligung. "Er machte den Eindruck, als wäre er begeisterter und gespannter als ich, in diesen Fall involviert zu sein", sagte Martin Jenkins, einer der Hauptkläger, der Huffington Post nach seinem ersten Treffen mit Kessler

"Es gibt da diese Eigenart, Athleten wie Vieh zu behandeln. Mich motiviert das Verlangen, das Justizsystem zu nutzen, um ihnen Rechte einzuräumen, die sonst jedem Arbeitnehmer zustehen. Es gibt keinen Grund, warum Athleten nicht fair kompensiert werden sollten", sagt Kessler. Er fordert, die Entlohnung von Collegesportlern vom Markt regeln zu lassen, nicht von der NCAA. Entscheidet das Gericht zugunsten der Kläger, wären die Universitäten zwar nicht verpflichtet, ihren Basketball- und Footballspielern Gehälter zu zahlen, es wäre ihnen aber auch nicht mehr untersagt.

Der Amateurstatus macht Collegesport so attraktiv

Im aktuellen Rechtsstreit vertritt Kessler einen ehemaligen Footballspieler der Clemson University, Martin Jenkins. Der erste Gerichtstermin ist für den 4. September angesetzt, trotz intensiver Bemühungen der NCAA, den Zeitpunkt der direkten Konfrontation nach hinten zu verlegen. "Das Urteil könnte drastische Veränderungen im Leben der Athleten nach sich ziehen. Viele von ihnen werden keine Profis, erwirtschaften für die Universitäten aber Hunderte Millionen von Dollar", sagt Kessler. Auch Jenkins musste seine Profiambitionen nach mehreren Operationen zugunsten seines körperlichen Wohlergehens begraben. Die Ungerechtigkeit sei mittlerweile so offensichtlich, dass sie niemand leugnen könne, so Kessler.

Genau daran will sich die NCAA Anfang September jedoch versuchen. Der Verband befürchtet, Änderungen im Reglement könnte Collegesport für Zuschauer weniger attraktiv machen. Die NCAA sieht im Amateurstatus der Athleten einen entscheidenden Faktor in der Vermarktung des Sports. Gerade weil sich über das Parkett keine abgebrühten Basketballprofis schleppen, sondern Studenten, die den Sport noch mit kindlicher Unschuld ausüben, lockt die Basketballmeisterschaft March Madness Millionen von Amerikanern vor den Fernseher, glaubt der Verband.

Bezahlte Athleten seien zudem schwieriger in den Studentenalltag zu integrieren. "Amateurismus ist essenziell, um ein akademisches Umfeld zu schaffen, in dem die Aneignung von Bildung die höchste Priorität ist", heißt es auf der Homepage der NCAA. Die Männer und Frauen, die auf dem Feld stehen, seien vorrangig Studenten und erst in zweiter Linie Athleten.