"Ich würde nicht die Olympiamedaille zurückgeben", sagte Christian Schenk neulich in einem Interview mit der "FAZ". Der Goldmedaillengewinner im Zehnkampf von 1988 sieht sich noch immer als legitimer Olympiasieger, obwohl er in seiner Autobiografie, die in diesen Tagen erscheint, erstmals zugab, gedopt zu haben. In "Riss – Mein Leben zwischen Hymne und Hölle" schreibt er auch über mögliche Zusammenhänge zwischen dem Doping, seiner bipolaren Störung, Depressionen und Verfolgungswahn. Schenk hielt sich zum Beispiel für den Attentäter Anis Amri. An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Buchauszug.

Als hätte ich ein Jahresabo für schlechte Nachrichten abgeschlossen, braute sich an einer anderen Front noch größeres Ungemach zusammen: Die Medien stürzten sich auf das Thema Doping. Zu DDR-Zeiten galt alles, was damit im Zusammenhang stand, als Staatsgeheimnis. Doping existierte offiziell nicht in unserem Land. Mehr noch: Doping galt als Ausgeburt des Kapitalismus. Wir dagegen waren die guten, die ehrlichen Sportler. Wenn ich mich recht erinnere, wurde bis zur Wiedervereinigung nur einmal einer unserer Spitzensportler des Dopings überführt.

Doch nun kam die Wahrheit ans Licht. Und auch ich sollte mich ihr stellen. Journalisten meldeten sich mit unangenehmen Fragen. Von uns Sportlern fand kaum jemand den Mut, sich selbst des Dopings zu bezichtigen. Ich bildete da keine Ausnahme. Anfangs bestritt ich, jemals verbotene Mittel eingenommen zu haben. Dann legte ich mir die juristisch etwas weichere Antwort zurecht, ich hätte nie wissentlich gedopt. Beides war gelogen. Ich habe gedopt, und ich wusste, dass ich dope. Letzteres vielleicht nicht von Anfang an, doch lange hatte es nicht gedauert, bis ich begriff, dass es Mittel waren, über die man besser nicht sprach.

In meiner Erinnerung begann es nach der Junioren-Europameisterschaft 1983, wo ich Silber gewann. Eines Tages gab mir mein Trainer ein kleines Päckchen, das in Alufolie eingewickelt war. Er sagte, das sei ein Präparat, das den Muskelaufbau fördere. Dazu erteilte er mir die Anweisung, wie viele Tabletten ich täglich nehmen sollte und über welchen Zeitraum.

Daran, dass er mich über etwaige Nebenwirkungen oder irgendwelche Gefahren aufklärte, an dem Tag oder später, erinnere ich mich nicht. Ich fühlte mich aber auch nicht veranlasst, Fragen zu stellen. Wenn er mir das gab, ging ich davon aus, dass es in meinem Sinne war. Wieder das Thema Hörigkeit. Kein Gedanke, etwas kritisch zu hinterfragen, nur Vertrauen, blindes Vertrauen. Und es kam noch etwas hinzu, worüber ich heute selbst den Kopf schüttle: Ich war stolz, dass ich nun zu den Auserwählten gehörte. Vor gar nicht langer Zeit hatte meine Zukunft  an der KJS noch auf der Kippe gestanden. Doch ich hatte bewiesen, dass es kein Fehler war, auf mich zu setzen. Und nun hatte ich die nächste Stufe erklommen.

Bei dem Präparat handelte es sich um das berühmt-berüchtigte Oral-Turinabol vom VEB Jenapharm: blaue Tabletten, zehn in einem Streifen, zwanzig pro Packung. Bei der Dosierung bin ich mir nicht mehr sicher. Ich glaube, anfangs bekam ich Tabletten mit fünf Milligramm des Wirkstoffs, später mit zehn. Einnehmen sollte ich sie in Phasen höchster Trainingsbelastung, also hauptsächlich während der Trainingslager, für einen Zeitraum von drei bis fünf Wochen. Was ich auch tat, folgsam, wie ich war.

Ob die anderen das Gleiche bekamen, was heute als ziemlich sicher gilt, und in welcher Dosierung, wusste ich nicht. Untereinander sprachen wir nie darüber. Mir war nur klar, dass man, sobald man wie ich als A-Kader eingestuft wurde, was Nationalmannschaft bedeutete, sogenannte unterstützende Mittel erhielt, die helfen sollten, die enorme Trainingsbelastung zu meistern und seine Leistungen zu steigern.

Nebenwirkungen stellte ich keine fest. Zumindest dachte ich das. Denn ich brachte das eine nicht mit dem anderen zusammen. In Wirklichkeit führte Oral-Turinabol unter anderem zu verstärkten Wassereinlagerungen, durch die man sich steif wie ein Holzklotz fühlte. Deswegen wurde es nur eingesetzt, jedenfalls bei mir, wenn ich Kraft und Ausdauer trainierte, wie in Belmeken die Grundlagen schuf. Maximalkrafttraining, Sprungkrafttraining, solche Sachen. Dagegen nicht in Trainingsphasen, in denen es vorrangig um die Optimierung koordinativer Fähigkeiten ging, die beispielsweise beim Hürdenlauf oder beim Stabhochsprung wichtig waren.