Zum Arbeiten sei er gekommen, erklärte der kleine Mann mit großem Bauch und dunkler Sonnenbrille in Blitzlicht und Gedrängel. Zig Mikrofone und Kameras warteten am vergangenen Wochenende am Flughafen der Stadt Culiacán, um "D10S" zu empfangen, so war es auf Plakaten und sogar den Schirmmützen von Reportern zu lesen. Der Begriff steht einerseits für Dios, spanisch für Gott. Andererseits aber verweist er auf denjenigen, der Gott sein soll: Diego Maradona, der einst die 10 trug. Wenn einer der besten Fußballer aller Zeiten irgendwohin kommt, dann werden auch Journalisten zu Fans.

Seit dieser Woche ist Maradona Trainer der Dorados de Sinaloa, einer Zweitligatruppe aus dem konfliktgebeutelten gleichnamigen Bundesstaat im Nordwesten Mexikos. Schnellstmöglich will der Club in die höchste Klasse aufsteigen, die Hoffnungen vereinen sich auf den als Trainer bisher kaum erfolgreichen Argentinier. Bei seiner ersten Pressekonferenz gab sich Maradona, der immer wieder Drogenprobleme hatte und zuletzt als WM-Gast in Russland nicht wirklich clean wirkte, wie ein Geläuterter: "Ich war 14 Jahre lang krank. Aber heute will ich die Sonne sehen, nachts will ich schlafen. Vorher schlief ich nicht, ich wusste nicht mal, was ein Kissen ist. Deshalb habe ich das Angebot der Dorados angenommen."

1.332 Morde in Sinaloa

Nicht jedem mögen die Gedankensprünge in dieser Ansprache einleuchten, aber wer würde schon Gott hinterfragen? So freuen sich Mexikos Medien seit Tagen über Schlagzeilen und Jubelhymnen. "Der Himmel öffnete sich und D10S stieg herab, um seine neue Aufgabe in Mexiko wahrzunehmen", schrieb die Tageszeitung El Sol de Sinaloa. El Universal, ein nationales Leitmedium, meint: "Die Ankunft Maradonas, historisch für Mexiko". Und auch Reforma ist optimistisch: "Maradona nimmt seine Aufgabe ernst", "Maradona zielt auf den Aufstieg."

Auch wenn der neue Coach angibt, von Rauschmitteln nichts mehr wissen zu wollen, kommt man nicht umhin, bei diesem Transfer an genau das zu denken. Im seit rund zwölf Jahren andauernden Drogenkrieg im Land ist Maradonas neue Wahlheimat, wo das Sinaloa-Kartell Drogen gen Norden in die USA schmuggelt, eine der am stärksten betroffenen Gegenden. Der berüchtigte Kartellchef "Chapo" Guzmán hat hier, bis zu seiner Auslieferung in die USA im vergangenen Jahr, die staatliche Ordnung nach seinen Vorstellungen umgekrempelt. 2017 verzeichnete Sinaloa 1.332 Morde, landesweit sind die Mordzahlen im aktuellen Jahr wieder um 16 Prozent angestiegen.

José Antonio Núñez, der Clubchef der Dorados, hält Maradona genau deshalb für den richtigen Mann: Er sei einer, der sich zumindest mit Drogen auskenne und ihnen abgeschworen habe, vor allem aber eine Lichtgestalt des Fußballs. Ganz besonders ist er eine Figur des Fußballs in Mexiko. In diesem Land krönte Maradona, fast immer der kleinste und zugleich schnellste Mann auf dem Platz, seine Karriere. Bei der WM 1986 besiegte er nicht nur Deutschland im Finale, sondern machte im Halbfinale zwei der legendärsten Tore der Fußballhistorie. Im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt brachte er Argentinien zuerst in der 51. Minute mit einem versteckten Handspiel in Führung, das er später als "Hand Gottes" erklärte. Vier Minuten später dribbelte er über das halbe Feld und ließ mehr als die halbe englische Mannschaft stehen.