ZEIT ONLINE: Russland wollte die Bedingungen der Wada nicht akzeptieren. Dann hat die Wada ihre Bedingungen abgeschwächt, nun gibt es einen Deal. Wie kommt Ihnen das vor?

Kassner: Zwei Sachen werden für mich dadurch deutlich: Es gab und gibt in Russland keinen kulturellen Wandel. Den McLaren-Report anzuerkennen hieße, den Wert des sauberen Sports anzuerkennen und ein klares Bekenntnis abzugeben: Doping hat im Sport nichts zu suchen. Das vermisse ich bis heute. Russland ist offenbar nicht bereit, sich zu ändern. Das Zweite ist der Zugang zum Labor für unabhängige Prüfer. Die hätten damit vielleicht einen Hebel für weitere Sanktionen, falls sich eine größere Beweislast findet als bislang bekannt. Der Whistleblower und frühere Leiter des Moskauer Labors, Grigori Rodschenkow, sagte, dass seit 1980 konsequent staatlich unterstützt gedopt wurde. Stimmt das und man findet die Belege dazu, wäre es möglich, die Rusada und den russischen Sport weiter zu sanktionieren.

ZEIT ONLINE: Die Wada nennt ihre Kehrtwende "nuancierte Veränderung".

Kassner: Die Wada hat Richard McLaren selbst eingesetzt, damit er als unabhängiger Prüfer die Vorgänge untersucht. Heute unterläuft sie ihren Umgang mit dem russischen Dopingskandal. Das sind immerhin vier Jahre Arbeit. Sie macht damit aber nicht nur die Arbeit von McLaren zunichte, sondern möglicherweise auch die einer neuen Abteilung, die vom deutschen Ermittler Günter Younger geleitet wird. Der soll ermitteln, Beweise zusammentragen, also genau das tun, was wir brauchen. Nicht nur auf Russland bezogen, sondern als Dienst für den weltweiten Antidopingkampf. Das reißt die Wada ein. Es ist kein guter Tag für den Antidopingkampf.

ZEIT ONLINE: Athleten liefern für das Meldesystem viele intime Daten an die Wada, Sie machen ihr Leben umständlicher, als es sein müsste, um Spitzensportler zu sein. Was erwarten Sie im Gegenzug davon?

Kassner: Uns Athleten war es wichtig, dem Sport seine Glaubwürdigkeit zurückzugeben, nachdem die Russen aufgeflogen sind. Indem wir weiter an diesem sehr alternativlosen Kontrollsystem festhalten und weiterhin für Dopingkontrollen der Wada zur Verfügung stehen. Wir werden für den kleinsten Fehler im Meldesystem der Wada bestraft. Und die schafft es nicht, ihr big picture, die angemessene Sanktionierung des bisher größten Dopingskandals im 21. Jahrhundert, einzuhalten. Das macht den gesamten sauberen Sport kaputt. Die Wada zerstört es einfach. Wir sind fassungslos.

ZEIT ONLINE: Die Wada sagt, man muss aufeinander zugehen, Kompromisse schließen. Dabei hat sich eine Seite kaum bewegt: die der Russen. 

Kassner: Für uns Athleten gilt beim Doping zero tolerance. Aus dieser Haltung heraus verstehen wir das Antidopingsystem. Das erwarten wir also auch von der Wada gegenüber anderen Institutionen. Die Wada demütigt sich mit diesem Vorgehen selbst gegenüber Russland.

ZEIT ONLINE: Die Wada erfüllt ja eigentlich eine Funktion: Sie soll den Sport bewahren vor Doping, Betrug. Hat sie diese Rolle noch?

Kassner: Es erlischt heute der letzte Funken Glaubwürdigkeit, den wir Athleten in diese Institution hatten.