Silke Kassner ist Kanutin und Vorsitzende der Athletenkommission im deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Zusammen mit dem Fechter Max Hartung hat sie die unabhängige Vereinigung Athleten Deutschland gegründet.

ZEIT ONLINE: Silke Kassner, die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) wird die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada) nach drei Jahren Ausschluss wieder aufnehmen. Der Weg zurück in den Weltsport ist für Russland damit frei. Was halten Sie davon?

Silke Kassner: Es ist ein massiver Schlag gegen die Glaubwürdigkeit der internationalen Anti-Doping-Arbeit. Das schlimme dabei: Die Wada fügt sich diesen Schlag selber zu. Wir müssen das ganze Anti-Doping-System ab heute offenbar neu denken.

ZEIT ONLINE: Eigentlich gab es genaue Bedingungen für die Rückkehr Russlands: die Anerkennung des McLaren-Reports, der Russland staatlich orchestriertes Doping nachwies. Und unabhängiger Zugang zum russischen Labor. Die Wada hat Russland nun angeboten, dass schon die Anerkennung des Schmid-Reports ausreichend sei, der von individueller Schuld spricht und viel milder ausfällt.

Silke Kassner ist Kanutin und die deutsche Athletensprecherin. ©privat

Kassner: Und bekannt wurde das erst vergangene Woche durch geleakte Mails der Wada-Führung. Deshalb haben wir auf eine Vertagung dieser wichtigen Entscheidung plädiert. Wir sind der Ansicht, dass es mehr Zeit braucht. Alle, die an dieser Entscheidung beteiligt und von ihr betroffen sind, sollten die Folgen dieser bedeuteten Entscheidung vernünftig besprechen können. Das ist im Augenblick nicht gegeben. Wir werden die Sachgrundlage dieser Entscheidung daher juristisch überprüfen.

ZEIT ONLINE: Das heißt? 

Kassner: Da wir als Athleten unmittelbar betroffen sind, werden wir uns an die Wada wenden: Wir brauchen die Entscheidungsbegründung und werden diese dann mit Juristen überprüfen. Wir erwarten vollkommene Transparenz. Wir behalten es uns auch vor, den Internationalen Sportschiedsgerichtshof (CAS) anzurufen, sofern die Voraussetzungen dafür gegeben wären.

ZEIT ONLINE: Haben Sie dabei Unterstützung?

Kassner: Ich gehe davon aus, dass unsere Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada), die Mehrheit des Sportausschusses im Bundestag und möglicherweise auch das Bundesinnenministerium uns unterstützen. Der zuständige Minister, Horst Seehofer, war auch gegen die Wiederzulassung der Rusada. Wir sollten nicht vergessen, dass der deutsche Steuerzahler die Wada und damit den internationalen Anti-Doping-Kampf mitfinanziert. Es liegt also auch im Interesse der Politik und der Öffentlichkeit, ein internationales, effektives Dopingkontrollsystem zu haben.