Eliud Kipchoge gilt als bester Marathonläufer aller Zeiten. Am Sonntag krönte er seine bisherige Karriere mit einem neuen Weltrekord über die 42,195 Kilometer. Er kam nach 2:01:39 Stunden ins Ziel und unterbot damit die bisherige Bestzeit des Kenianers Dennis Kimetto, aufgestellt 2014 in Berlin, um eine Minute und 18 Sekunden. In den vergangenen Jahren hatte Kipchoge den Weltrekord mehrfach knapp verpasst: 2015 in Berlin löste sich die Innensohle seines Schuhs, 2017 verhinderte am selben Ort das schlechte Wetter eine neue Bestmarke. Im Mai stellte der 33-Jährige bei einem Lauf auf der Formel-1-Strecke im italienischen Monza in 2:00:25 Stunden die schnellste je gelaufene Marathonzeit auf, die allerdings nicht als offizieller Weltrekord anerkannt ist. Wechselnde Tempomacher hatten ihn während der gesamten Renndistanz begleitet, was gegen die Regeln des Leichtathletik-Weltverbandes verstößt. Das folgende Interview mit dem 33-Jährigen fand am Sonntagnachmittag nach seinem Weltrekordlauf in Berlin statt.

ZEIT ONLINE: Herr Kipchoge, wie geht es Ihnen gerade? Wie geht es vor allem Ihren Beinen?

Eliud Kipchoge: Ich fühle mich gut. Aber meine Beine schmerzen ein wenig.

ZEIT ONLINE: Sie haben den Marathon-Weltrekord in Berlin um mehr als eine Minute unterboten – eine enorme Verbesserung. Haben Sie eine solche Zeit erwartet?

Kipchoge: Ich habe erwartet, dass ich einen Weltrekord laufen würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich eine Zeit von 2:01 Stunden laufen würde. Ich habe auf eine Zeit unter dem alten Weltrekord von 2:02:57 gehofft.

ZEIT ONLINE: Sie haben hinterher gesagt, Sie hätten einen Plan für das Rennen gehabt. Wie sah der aus?

Kipchoge: Der Plan für das Rennen war wirklich einfach: Ich musste ein hohes Tempo halten und die erste Hälfte zwischen 61 Minuten und 61:15 laufen. Das habe ich geschafft.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Stimmung unterwegs wahrgenommen?

Kipchoge: Die Menschen an der Strecke waren wundervoll. Ohne sie hätte ich am Ende nicht noch einmal alles geben können. Der Jubel war wie Musik in meinen Ohren.

ZEIT ONLINE: Gab es etwas, das heute nicht gut lief?

Kipchoge: Überhaupt nicht. Ich bin glücklich über den Ausgang des Rennens und darüber, dass mein Plan aufgegangen ist.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihre Verfolger von Beginn des Rennens an hinter sich gelassen. Hatten Sie vorher damit gerechnet?

Kipchoge: Meine Gedanken waren nicht auf meine Mitläufer gerichtet, ich war allein mit den Zwischenzeiten beschäftigt.

ZEIT ONLINE: Sie hatten bereits nach 25 Kilometern keine Tempomacher mehr vor sich und mussten den Rest des Rennens alleine laufen. War das so geplant?

Kipchoge: Nein, ich habe erwartet, erst nach 30 Kilometern alleine zu sein. Aber ich bin den Tempomachern dankbar, dass sie mich bis Kilometer 25 geführt haben.

ZEIT ONLINE: Haben Sie in Ihrer Vorbereitung im Vergleich zu früheren Rennen etwas geändert?

Kipchoge: Nein, ich habe wie immer trainiert – dasselbe Trainingsumfeld, dasselbe Coaching, dasselbe Team.

ZEIT ONLINE: Wie viel Kilometer laufen Sie durchschnittlich pro Woche?

Kipchoge: Im Durchschnitt zwischen 180 und 210 Kilometer.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Sie Ihre Zeit noch verbessern können?

Kipchoge: Ich glaube weiterhin, dass es für den Menschen keine Grenzen gibt. Alles ist möglich. Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden.

ZEIT ONLINE: Sie haben versucht, bei einem Lauf in Monza bei idealen, aber nicht regelkonformen Bedingungen unter zwei Stunden zu laufen und am Ende eine Zeit von zwei Stunden und 25 Sekunden erreicht. Würden Sie so einen Versuch noch einmal wiederholen?

Kipchoge: Monza war ein großes Projekt. Ich wollte der Welt zeigen, dass alles möglich ist und dass ein Mensch unter zwei Stunden laufen kann.

ZEIT ONLINE: Aber Sie haben Ihr Ziel damals um 25 Sekunden verpasst. Werden Sie es erneut versuchen?

Kipchoge: Das wird die Zukunft zeigen.

ZEIT ONLINE: In diesem Moment sind Sie sicher müde und glücklich über den Weltrekord. Haben Sie dennoch schon Ihre nächsten Ziele im Kopf?

Kipchoge: Zu Beginn der Saison sagte mein Trainer: Du hast Geschichte geschrieben, indem du 2:00 in Monza gelaufen bist. Ich bin auch schon 2:03, 2:04 und 2:05 gelaufen, heute nun 2:01. Es fehlt also immer noch 2:02.

ZEIT ONLINE: Planen Sie, an den nächsten Olympischen Spielen teilzunehmen?

Kipchoge: Ja.

ZEIT ONLINE: Sie haben also nicht vor, Ihre Karriere demnächst zu beenden.

Kipchoge: Nein, ich werde weiter laufen und versuchen, erfolgreich zu sein. Ich habe nie daran gedacht, mich zur Ruhe zu setzen.

ZEIT ONLINE: Wie motivieren Sie sich, weiterzumachen? Viele Marathonläufer sagen nach dem Rennen, dass sie nie wieder laufen werden. Gehen Sie einfach nach Hause und trainieren weiter für den nächsten Wettkampf?

Kipchoge: Die Erklärung ist einfach: Ich liebe den Sport.

ZEIT ONLINE: Sie sind dafür bekannt, zu lächeln, wenn das Rennen so richtig anstrengend wird. Kurz vor dem Ziel hatten Sie heute wieder dieses Lächeln im Gesicht. Was denken Sie in solchen Momenten?

Kipchoge: Marathon bedeutet Leben. Und wenn Sie wirklich glücklich sein wollen, dann müssen Sie das Leben genießen. Deshalb lächle ich: Ich genieße es, den Marathon zu laufen.