Schnick, schnack, schnuck. Zwei junge Männer in türkisfarbenen Trainingstrikots stehen auf einem Parkplatz. Der Verlierer muss zur Tankstelle, eine Flasche Powerade besorgen. Schere schlägt Papier, Patrick Stumpf trottet in Badeschlappen widerwillig den Hügel in Richtung Tankstelle hinab. Er muss sich beeilen. In eineinhalb Stunden beginnt das Fußballtraining. Und in zwei Wochen spielt er gegen den AC Mailand.

Patrick Stumpf ist Fußballprofi und spielt bei F91 Düdelingen. Dem ersten luxemburgischen Verein, der die Gruppenphase der Europa League erreicht hat. Das Großherzogtum verbindet man nicht unbedingt mit europäischem Spitzenfußball, für eine WM oder EM konnte sich das kleine Land noch nie qualifizieren, in den Qualifikationsgruppen wird es regelmäßig Vorletzter. Wie also schafft es ein 20.000-Einwohner-Städtchen in den zweiwichtigsten Wettbewerb Europas? 

Knapp 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt liegt das Düdelinger Trainingsgelände. Zwei Rasenplätze, daneben ein Vereinsheim, mit Blick auf die Dächer der Stadt. So wie hier stellt sich DFB-Manager Oliver Bierhoff wohl die Basis vor, an die er wieder heranrücken möchte. Aus der Kabine zieht der Geruch von Männerschweiß und ungewaschenen Stutzen. Musik von Den Ärzten hallt ins Treppenhaus, dann kündigt der Radiomoderator den besten Mix an. Bei F91 Düdelingen wird professionell gearbeitet, aber mit dem Vereinsheim würden auch Amateurkicker nicht fremdeln.

Während die Spieler durch die Gänge wuseln oder im Dachgeschoss Billard spielen, sitzt im ersten Stock Dino Toppmöller. 37 Jahre, schlaksig, ruhige Stimme, Sohn von Klaus Toppmöller, dem deutschen Trainer des Jahres 2002. Seit der Saison 2016/17 ist Dino in Düdelingen Trainer. Schon als Spieler ließ er hier seine Zweitligakarriere ausklingen, um näher an seiner saarländischen Heimat zu sein. Sechs Jahre später kehrte er mitsamt Trainerschein und ersten Erfahrungen an der Seitenlinie von Benfica Hamm, damals luxemburgischer Zweitligist, nach Düdelingen zurück. "Der Verein ist hier im Land schon das Nonplusultra", sagt Toppmöller. "Wer die Möglichkeit hat, zu F91 zu gehen und mental stark ist, der macht das auch." Eine Saison ohne Meistertitel ist in Düdelingen keine gute. "Ich wollte nicht zu den Trainern gehören, die hier nicht Meister werden."

Ein Arzt ist nur bei internationalen Spielen dabei

Geht es um den nationalen Titelanspruch, kann F91 mit dem FC Bayern mithalten. 14 Mal war Düdelingen bereits Landesmeister. Insgesamt bewegt sich der Fußball in Luxemburg jedoch auf deutschem Dritt- oder Regionalliganiveau. In Düdelingen stehen Toppmöller zwei Co-Trainer zur Seite, einer von ihnen ist hauptberuflich engagiert. Auch der Torwarttrainer lebt vom Fußball. Der Fitnesscoach und die zwei Physiotherapeuten gehen ihrem Beruf auch außerhalb des Vereins nach. Ein Arzt ist nur bei internationalen Spielen dabei.

Auch in der Mannschaft sind acht Spieler noch berufstätig. Ein Autoverkäufer, ein Postbote, einer fährt für den Hauptsponsor Lavazza Kaffee aus. Darauf muss der Verein Rücksicht nehmen. Fünf- bis sechsmal die Woche wird trainiert, meistens erst abends. "Natürlich würden wir lieber einmal um zehn und um drei Uhr trainieren, aber da sind wir eben anders aufgestellt als eine Profimannschaft", sagt Toppmöller. In den kommenden drei Monaten sollen die berufstätigen Spieler unbezahlten Urlaub bekommen und dafür vom Verein entlohnt werden, um der zusätzlichen Belastung durch die Europa League gerecht zu werden.

"Manche Sachen sind sehr professionell, bei anderen hinkt man hier noch ziemlich hinterher", findet auch Patrick Stumpf. Der 30-jährige Stürmer war für TuS Koblenz in der Regionalliga aktiv, ehe ihn Toppmöller 2014 nach Luxemburg holte. "Der Rasen könnte zum Beispiel öfter gemäht werden", sagt Stumpf. Dafür bereitet Toppmöller seine Mannschaft vor jedem Spiel mit einer Videoanalyse des Gegners vor.

Auch das Fußballwunder aus Düdelingen ist ein gesponsertes

Einer, der noch mehr Professionalität möchte, ist Flavio Becca. Der Luxemburger Bauunternehmer ist seit Ende der Neunzigerjahre als Hauptsponsor in Düdelingen dabei. Seit der Saison 1997/98 ziert der Lavazza-Schriftzug die F91-Trikots. Das Sponsoring läuft über Beccas Nahrungsmittelimportfirma, die den italienischen Kaffee nach Luxemburg brachte. Mit Beccas Investment kam der sportliche Erfolg. Den ersten von vierzehn Meistertiteln holte F91 im Jahr 2000. "Ohne ihn wäre Spitzenfußball hier niemals möglich", sagt Toppmöller über den Mäzen. Auch das Fußballwunder aus Düdelingen ist ein gesponsertes.

Doch Becca gehört nicht zu den anonymen Geldgebern, die ihren Verein nur aus der Ferne mit Millionen versorgen. "Er lebt den Verein total und interessiert sich für die Geschehnisse hier", sagt Toppmöller. Die beiden telefonieren regelmäßig miteinander, bei den Heimspielen sitzt Becca auf der Tribüne. Sogar Spieler verpflichtet Becca, wenn er es für richtig hält. Für Toppmöller ist das kein Problem: "Solange ich die Spieler bekomme, die ich möchte, ist alles gut."

Beccas Vision ist eine vollends professionalisierte luxemburgische Fußballliga. "Wenn wir international eine kleine Rolle mitspielen möchten, dann haben wir keine Wahl", sagte er gegenüber dem Tageblatt. Besonders bei der Sportinfrastruktur im Land sieht er dringenden Nachholbedarf. Alle internationalen Spiele werden in Luxemburg im Josy-Barthel-Stadion ausgetragen, am 20. September trifft F91 dort auf den AC Mailand. Das Stadion liegt 20 Autominuten von Düdelingen entfernt, in der Stadt Luxemburg. Gebaut wurde es 1931 mit viel Beton und wenig Sinn für Ästhetik. Eine blaue Tartanbahn umschließt den Rasen, die grünen und blauen Plastiksitze auf den Rängen sind von der Sonne verblichen. 7.983 Zuschauer finden hier Platz, Anwohner können aus ihren Gärten zugucken. Ein neues Nationalstadion wird bereits gebaut und soll 2019 fertiggestellt werden.