"In Zeitungen werden nur junge, sexy Frauen abgebildet"

Fan.Tastic Females ist eine Ausstellung über weibliche Fußballfans in Europa. Das Herzstück der Ausstellung sind achtzig Videoporträts über Frauen aus 21 Ländern. An diesem Samstag eröffnet die Ausstellung in Hamburg, womöglich wird sie auch im Ausland zu sehen sein. Gefördert wird das Projekt vom Pfiff-Programm der DFL und weiteren Sponsoren. Initiatorin ist Daniela Wurbs, 38. Sie leitet KickIn!, eine nationalen Beratungsstelle für Inklusion im Fußball, und war früher Fanbetreuerin in St. Pauli.

ZEIT ONLINE: Warum braucht es eine Ausstellung über weibliche Fußballfans?

Daniela Wurbs: Wir hatten einfach Lust darauf. Die Idee kam uns 2010 in einem Workshop auf dem europäischen Fankongress der Football Supporters Europe (FSE). Da saßen Frauen und Männer zusammen und wir überlegten, wie wir das Thema "Frauen im Fußball" auf ein Podest heben können, ohne mit dem Zeigefinger zu mahnen. Wir wollen gar nicht die Männerwelt anklagen, sondern zeigen, dass wir genauso Fans sind.

ZEIT ONLINE: Werden weibliche Fußballfans üblicherweise als irgendwie anders betrachtet?

Wurbs: Ja, viele Frauen sind dies aus den Kurven gewohnt. Dabei haben sie genauso viel Power und Leidenschaft für ihre Teams wie alle anderen. Sie wollen daher nicht in Stereotype eingeteilt werden. In den Zeitungen werden fast nur die jungen, hübschen, sexy Frauen abgebildet, meist spärlich bekleidet. Es gibt aber viel mehr weibliche Vielfalt in der Kurve.

ZEIT ONLINE: Wie sehen die markanten Beispiele von Frauen aus, die gängige Stereotype durchbrechen?

Wurbs: Um die verschiedenen Typen im Stadion besser darzustellen, sortieren wir die Fanfrauen in sieben Kategorien. Wir definieren sie nicht nach groß, dick, dünn, sexy oder unsexy, sondern nach fankulturellen Rollen. Von der 14-jährigen Ultra bis zur 94-jährigen Allesfahrerin aus Schottland ist alles dabei. Sie war in ihrem Land der älteste Mensch mit einer Dauerkarte, bis sie voriges Jahr aufgehört hat, zum Fußball zu fahren. Weibliche Fangruppen und -netzwerke stellen vom Ultra bis zur Auswärtsbussauftour fast alles dar, was aus den Fanszenen bekannt ist. Wir zeigen Frauen in Führungspositionen, wie Karen Espelund aus Norwegen, die die erste Generalsekretärin eines Fußballverbandes war, und später die erste Frau in der Uefa wurde. Natürlich zeigen wir auch Spielerfrauen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Charaktere aus allen europäischen Ländern porträtieren können?

Wurbs: Wir versuchen, alle Regionen Europas abzubilden. In Polen haben wir beispielsweise die stark sehbeeinträchtigte Mutter eines 9-jährigen Sohnes interviewt, der Fußball spielt. Sie steht stellvertretend für eine Million Mütter, die jedes Wochenende am Spielfeldrand ihre Kinder anfeuern. Trotzdem ist Westeuropa etwas überrepräsentiert. Leider sind unsere Kontakte in Osteuropa nicht so gut wie etwa in Spanien oder Frankreich. Andererseits ist uns wichtig, keine Mitglieder rechter Gruppen zu promoten. In diesem Punkt gibt es vor allem in Osteuropa gewisse Unsicherheiten.

"Scheiße, wir haben kaum Frauen!"

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie ihre Interviewpartnerinnen gefunden?

Wurbs: Wir haben immer auf Basis von Vorschlägen aus der FSE-Mitgliedschaft und aus der Projektgruppe gearbeitet. So haben wir beispielsweise von den drei großen russischen Clubs Spartak Moskau, CSKA Moskau und Zenit Sankt Petersburg Fans dabei, ebenso aus Tschechien, der Slowakei und Polen. Von den 55 Uefa-Mitgliedsländern haben wir immerhin 18 geschafft. Ein großer Aufwand, der von vielen Leuten ehrenamtlich gestemmt worden ist. Wahrscheinlich müssen wir bald eine zweite Edition machen. Wir haben noch einiges in petto.

ZEIT ONLINE: Sie legen den Fokus auf Videoporträts. Warum?

Wurbs: Wir hatten den Anspruch, eine Wanderausstellung zu gestalten, die allen zugänglich ist. Eine Fangruppe, die sie zeigen will, soll das genauso können wie ein Museum mit Equipment und Geld. Nun arbeiten wir mit QR-Code-Technik, also mit Codes, die mit dem Smartphone ausgelesen werden. Es gibt Inhalte, die klassisch an Aufstellern gelesen werden. Und es gibt die Videos. Die können sich Besucher und Besucherinnen auf ihren Smartphones anschauen. Dieses Ausstellungsprinzip ist in der Form wohl neu.

ZEIT ONLINE: Verfolgen Sie mit der Ausstellung eine Mission?

Wurbs: Einerseits ist unser Ziel, die Vielfalt weiblicher Fankultur zu zeigen und weibliche Fanfrauen endlich in den Vordergrund zu stellen. Anderseits wollen wir zu Diskussionen anregen und eine Aufmerksamkeit für das Thema herstellen. Frauen in Fankurven, ist das gut oder schlecht? Haben wir Probleme? Das wird wahrscheinlich jeder Verein, jede Fanszene, wahrscheinlich sogar jede Gruppe für sich selbst beantworten müssen.

ZEIT ONLINE: Erhoffen Sie sich in der Männerdomäne Fußball Offenheit?

Wurbs: Während der Ausstellungserstellung haben uns insbesondere Männer
immer wieder angesprochen und gefragt, ob wir schon jemanden aus ihren Vereinen und ihren Ländern haben, weil sie das Projekt so toll fänden. Es hat uns sehr gefreut als sich Fangruppen sagten: "Scheiße, wir haben kaum Frauen!" Die haben durch uns gemerkt, dass das ein Thema für sie ist, an das sie ran müssen.