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An einem Dienstagnachmittag im September sitzt der Sänger Frank Zander, 76, in seiner Arbeitswohnung im Berliner Westen auf einem Barhocker und gießt sich ein Bier ein. Er hat sich hier, im vierten Stock eines Mehrparteienhauses in Charlottenburg, eine Kiezkneipe nachbauen lassen. So eine, wie es sie früher erheblich häufiger gab. "Ich wollte hier eine Kneipe, wo sich die Leute wohl fühlen", sagt er. "Hier kannste quatschen. Anders als in so einem Teil mit weißem Marmor und Spiegel. Wir sind normal hier." Es hängen viele Fotos aus den vergangenen Jahrzehnten an der Wand, die ihn mit anderen Berühmtheiten zeigen. Ein Hirschgeweih. Bierkrüge. Auf einer Tafel steht: "Heute frischer Zander". Auf dem Tresen steht ein Fähnchen von Hertha BSC Berlin.

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Die Kneipe ist die ideale Kulisse für die Rolle, die Frank Zander zuvor in den Schoß gefallen war. Berliner Boulevardzeitungen hatten in den vorangegangenen Tagen mit seinem Foto aufgemacht, eine Woche lang war keine Lokalredaktion an ihm vorbeigekommen. "Frank Zander wütet gegen neue Hertha-Hymne", stand zum Beispiel in der B.Z.; Zitat: "So sterben die letzten Berliner aus. Da kann ich mit meiner Neuköllner Schnauze ruhig mal sagen – solche Veränderungen können mich mal…!"

Aus einer Angelegenheit, die, von außen besehen, wie eine Kleinigkeit wirkt, erwuchs dank Zanders Prominenz eine Heimatdebatte, eine Debatte über die Frage: Was ist Berlin?

Die Veränderung, über die sich Zander mokierte, hat ein Datum. 25. August 2018, erster Spieltag der neuen Bundesliga-Saison. Um kurz vor 15.30 Uhr betrat die Mannschaft von Hertha BSC Berlin den Rasen des Olympiastadions. Doch es war noch kein Ball gespielt, kein Pass misslungen und kein Gegentor gefallen, da waren die Fans schon auf hundertachtzig. Aus den Stadionlautsprechern schallte Dickes B. von der Berliner Band Seeed. Das war neu, der Verein hatte das Musikprogramm zwei Tage vorher umgestellt. Dickes B. ist ein Song, den jeder Zugezogene nach ein paar Takten als Song über Berlin erkennt. Die eingefleischten Herthaner in der Ostkurve des Stadions aber pfiffen und sangen stattdessen Nur nach Hause geh'n wir nicht, die 25 Jahre alte Vereinshymne von Frank Zander. Einen Schlager zur Melodie von Rod Stewarts Sailing, dessen ursprünglicher Text von einem Kneipenbesuch handelte. Wie sie es immer taten.

Am Ende gewannen die Ultras und Zander: Hertha hat die Entscheidung mittlerweile rückgängig gemacht; sein Song wird Einlauflied bleiben. Und damit wäre der Fall auch gegessen. Wenn die Wut darüber, dass der Verein es überhaupt ändern wollte, nicht so erstaunlich groß gewesen wäre.

Also, Herr Zander, worum geht es bei diesem Hymnenstreit eigentlich?

"Um mehr", sagt er. "Die Fans in der Ostkurve haben doch ihren Kriegstanz, da freuen die sich doch auch drauf. Da hopsen 20.000 Leute und tanzen und singen – da kannst du nicht einfach die Musik ändern, ohne sie wenigstens zu fragen. Darum geht es. So eine Hymne entsteht, die kann man nicht schreiben. Das ist, als würde man die deutsche Nationalhymne jetzt als Rap machen oder Weihnachten vom 24. auf den 23. schieben."

Heimat. Dafür steht er.

Frank Zander ist das, was in Berlin "ein Original" genannt wird. Ein Westberliner, aufgewachsen in Neukölln, Grafiker geworden, als Sänger reüssiert, Charthits gehabt, Hier kommt Kurt, zum Beispiel, oder Der Ur-Ur-Enkel von Frankenstein. Alljährlich an Weihnachten richtet er ein Festessen für Obdachlose aus. Vor Hertha-Spielen geht er manchmal in die Ostkurve. Tradition, Zusammenhalt, Nähe, schnoddrige Ehrlichkeit, Kommerzkritik. Heimat. Dafür steht er.

Es geht ihm bei alldem letztlich um die Frage, was das Tradierte wert ist. Er findet: viel.

Der Mann, den die Hertha-Ultras zu ihrem Buhmann auserkoren haben, heißt Paul Keuter. Ihm wird unterstellt, Traditionen seien ihm zu wenig wert. Er sitzt tags darauf, am Mittwochmittag, vor einer Flasche Mineralwasser im Berliner Restaurant Borchardt, wo er mit einem hochrangigen Vertreter der Deutschen Fußball-Liga zum Essen verabredet ist; vorher schiebt er noch schnell das Interview ein. Keuter war einst bei Twitter für die weltweite Sportstrategie verantwortlich, nun ist er in Herthas Geschäftsleitung zuständig für Kommunikation, Markenführung, die digitale Transformation und CSR, also unternehmerische Gesellschaftsverantwortung. Die Tischdecke ist weiß, das Smartphone liegt neben ihm auf dem Tisch. Es ist ein völlig übliches Interview-Setting. Aber wenn man gerade aus Frank Zanders Kneipe kommt, wirkt es wie eine Ansage.

Auch an Paul Keuter die Frage: Worum geht es hier eigentlich?

"Die ganze Welt redet davon, wie toll und modern Berlin ist", sagt er, "aber mit Hertha hat das erst mal nichts zu tun. Diejenigen, die gegen jegliche Art von Kommerzialisierung sind, das sind nicht 'die Fans'. Unsere Fans sind eine sehr heterogene Gruppe. Da gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Neben dem harten Kern in der Ostkurve, gehen noch mindestens 30.000 Hertha-Fans mehr ins Stadion. Für die musst du auch attraktiv sein. Die Väter schleppen ihre Kinder heute nicht mehr automatisch ins Stadion, wenn sie auch zusammen den Clásico im Internet sehen können."