Erstmals seit ihrer Gründung 1992 läuft die Champions League, die an diesem Dienstag beginnt, in Deutschland nur noch im Bezahlfernsehen. Erstmals sieht man Teile von ihr sogar nur in einem Streamingdienst. Das heißt: Man braucht einen internetfähigen Fernseher oder zumindest ein Tablet, Laptop oder Smartphone. Das ist nicht nur für Oma Lottchen eine Hürde. Einzig ein Finale mit einem Bundesligaclub, was allerdings immer unwahrscheinlicher wird, würde im deutschen Free-TV gesendet werden. Früher lief jede Woche mindestens ein Spiel live.

Eine Sportart geht den nächsten Schritt zum totalen Ausverkauf. Das ist politisch dumm, ärgerlich für die Fans und vielleicht nicht mal erlaubt.

Europa ist eine gute Idee. Sie soll Frieden schaffen und Völker verbinden. Doch es gibt kaum etwas, das die vielen Hundert Millionen Europäerinnen und Europäer von Neapel bis Donezk fesselt. Es gibt wenig, über das alle von Glasgow bis Nikosia reden. Der Eurovision Song Contest ist eine Ausnahme, der findet einmal im Jahr statt, die Fußball-EM alle vier Jahre. 

Eins der wenigen Lagerfeuer, an dem sich viele versammeln, ist die Champions League, wo man den besten Fußball der Welt und auch aller Zeiten sehen kann. Doch vor diesem Lagerfeuer werden künftig immer weniger sitzen. Dabei könnte sie zu etwas beitragen, wovon Politologen seit Jahrzehnten träumen: einer europäischen Öffentlichkeit, also einem grenzübergreifenden Forum, das einen offenen und gleichberechtigten Austausch ermöglicht. Dieses Potenzial hat die Politik erkannt: In Artikel 165 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union heißt es: "Die Union trägt zur Förderung der europäischen Dimension des Sports bei."

Man braucht sogar zwei Pay-TV-Abos

Zwar ist die Champions League in der entscheidenden und besten Phase, der K.-o.-Runde, ein recht exklusiver Zirkel, doch kann man durch sie etwas lernen. Ihr Rahmenprogramm war oft kleines Bildungsfernsehen über Länder, Kulturen und Geografie. Wie viele Menschen gibt es, die ohne die Champions League keine Ahnung hätten, wo Trondheim und Baryssau liegen? Zum diesem Europa zählen übrigens auch Russland, Ukraine, Türkei und Israel.

Und man erfährt etwas über Fußballstile. Spaniens Teams zeigen seit Jahren, wie man offensiv, schön und erfolgreich spielt. Italiens passiver Stil ist aus der Zeit gefallen, aber noch immer erkennbar, wenn Juventus Turin auf dem Platz steht. England versucht es mit Geld und den besten Trainern und Spielern aus aller Welt. Die Schlachten zwischen Bayern München und Real Madrid locken regelmäßig zig Millionen vor die Glotze. Und nicht nur deutsche Zuschauer finden das Trainerduell Klopp gegen Tuchel, das in dieser Saison erstmals auf höchster europäischer Ebene stattfindet, spannend.

Doch indem die Uefa auf das Free-TV und seine Reichweiten verzichtet, zeigt sie, dass es ihr nicht um einen öffentlichen Diskurs geht, sondern ausschließlich ums Verkaufen. Fußball ist für sie nicht Kultur-, sondern nur noch Wirtschaftsgut. Weitere Belege: Erstmals werden auch die Spiele zu zwei Zeiten angepfiffen, 18.55 und 21 Uhr, damit noch mehr Geld reinkommt. Und der Fan muss sich inzwischen zwei Pay-TV-Abos zulegen, wenn er nichts verpassen will.

Der Kunde zahlt, aber der Kunde zählt nicht

Der Kunde zahlt, aber der Kunde zählt nicht. Er hat keine große Wahl. Beispielsweise kann er keine Einzelspiele buchen oder nur seiner Lieblingsmannschaft folgen – was in der Musik und bei Filmen längst Standard ist. Doch die Uefa bleibt bei der Zentralvermarktung, einem, wie Juristen sagen, klassischen Kopplungsgeschäft. Sie hält zudem ein Monopol.

Die Folgen sind dieselben wie überall, wo der Wettbewerb ausgeschaltet wird: Die Qualität des TV-Produkts sinkt und die Preise steigen. Sky etwa kostet genauso viel, obwohl es nicht mehr alle Spiele überträgt. Der neue Player Dazn, womöglich das künftige Netflix des Sports, ist mit einem Kampfpreis von 9,99 Euro eingestiegen, zudem monatlich kündbar. Doch wer weiß, wie lange diese kundenfreundlichen Bedingungen gelten?

"Wo liegen die Unterschiede zu einem Kartell?", schrieb Achim Wambach, der Vorsitzende der Monopolkommission des Bundesinnenministeriums, in der Süddeutschen Zeitung mit Blick auf die Fußballfernsehrechte. "Die Wettbewerbshüter sollten sich den Profifußball wieder vornehmen." Was sich der Fußball zulasten der Verbraucher erlaubt, wäre in anderen Bereichen undenkbar, sagen Kartellrechtler. Doch offenbar ist es politisch gewollt, den Fußball zu verschonen, etwa von hohen Geldbußen für Wettbewerbsverstöße.

Der radikalen Marktwirtschaft verschrieben

Es gibt natürlich kein Recht auf kostenlosen Fußball im Fernsehen. Doch es gibt in Deutschland das Grundgesetz. "Jeder hat das Recht, (...) sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten." Das Bundesverfassungsgericht hatte diesen Artikel 5 im Sinn, als es das Recht auf Kurzberichterstattung festschrieb. Davon betroffen sind "Veranstaltungen und Ereignisse, die öffentlich zugänglich und von allgemeinem Informationsinteresse sind". Dazu zählen zweifellos Spiele mit deutscher Beteiligung und andere Highlights der Champions League.

ARD, ZDF oder auch jeder andere Sender müssten also gar keine Rechte kaufen. Sie haben nämlich welche. So könnten sie an jedem Spieltag kurze Zusammenfassungen zeigen, etwa eine halbstündige Fußballnachrichtensendung mit den Toren, Chancen, Schwalben und Roten Karten aller wichtigen Spiele, ergänzt durch Kommentare, Interviews und Statistiken. Und das alles praktisch gratis.

Die freie Kurzberichterstattung soll der Allgemeinheit dienen, dieses hohe Rechtsgut ist dem Zugriff des Markts entzogen. Die Sender verzichten jedoch darauf – vermutlich, weil sie es sich mit den Verbänden und Vereinen nicht verscherzen wollen. Denn der Fußball hat sich der radikalen Marktwirtschaft verschrieben. Der Fußball will immer mehr Geld.